Der Schrei

22. Februar 2006, 09:19
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Trotz Grippe-k.o-Medizin, sagte J., habe sie den Hilfeschrei gehört - als Einzige...

Es war im vergangenen Hochsommer. Das ist, gibt J. zu, wirklich schon eine Weile her. Aber manchmal, erzählt sie, hallt der Schrei noch in ihren Ohren. Und wenn sie dann, in der Nacht, aus dem Schlafzimmerfenster schaut, wird ihr schlecht. Immer noch.

Wir waren zum Abendessen eingeladen. Irgendwie war das Thema auf die sichere Stadt gekommen. Und großspurig (A. verdreht da immer die Augen, verzichtet aber längst auf Widerspruch) hatte ich erklärt, dass ich mich solange weigern würde, von sinkender Sicherheit zu reden, solange ich sogar um Mitternacht auf der Hauptallee beim Laufen noch alleine joggende Frauen sähe. Punkt.

Sommergrippe

Da erzählte J. von dem Schrei Hinterhof: Sie sei von einer Sommergrippe niedergestreckt gewesen. Weil sie aber trotzdem am nächsten Tag arbeiten gehen musste, habe sie getan, was wir da auch täten: Eine doppelte Portion Neocitrat – und ab ins Bett. Die Keule habe sie binnen Minuten ausgeknockt.

Dass sie dann trotzdem aufgeweckt worden sei, sagte J, sage da schon einiges. Aber die Frau habe so gellend um Hilfe gerufen, dass das sogar durch die Grippemittelwatte im Kopf durchgedrungen sei. Wie ein Messer, sagte J. Ihr Freund, sagte J, sei bereits hellwach im Bett gesessen und habe nach dem Telefon gegriffen.

Altbauinnenhof

Sie habe dann aus dem Fenster geschaut: In einen typischen Altbau-Innenhof in einem soliden Altbauwohnbezirk. Das einzig ungewöhnlich ist, dass vom gegenüberliegenden Haus ein Tag und Nacht offener Durchgang in den dortigen Hof führt. Der Nachbarhof sei aber durch eine Gartentür mit ihrem verbunden. Und im Durchgang habe der Mann die Frau gegen die Wand gedrückt.

J. sagt, sie habe gar nicht nachgedacht, sondern einfach zu brüllen begonnen. Irgendwie instinktiv. Oder reflexartig. Was genau, sagte sie, wisse sie nicht mehr – aber es dürfe irgendwas mit „ich seh´ dich“ plus Drohungen gewesen sein. Außerdem glaubt sie, irgendetwas – ein Buch? – in den Hof geschleudert zu haben.

Wirkung

Das Gebrüll zeigte Wirkung: Der Mann ließ die Frau los, rannte quer über den Hof und verschwand durch das Gartentor und die Hoftüre von J.s Haus. Ihr Freund, der inzwischen die Polizei angerufen hatte, sah ihn vom Wohnzimmerfenster aus bei der Vordertür hinaus flitzen und über eine Baustelle gegenüber verschwinden. Mittlerweile kam auch jemand zu der Frau: Der Hausbesorger – obwohl (aber das, sagte J., sei ihr erst nachher aufgefallen) seine Wohnung kein einziges Fenster in den Hof hatte. Das Geschrei, erzählte er später, habe ihn aus dem Schlaf gerissen.

Sie habe, sagt J. wie gelähmt am Fenster gesessen. Und hinunter geschaut. Der Schrei, erzählte J, habe ihr noch in den Ohren gegellt. Und dann habe sie bemerkt, dass - außer bei ihr - nirgendwo Licht angegangen war. Obwohl die meisten Fenster offen waren. Und obwohl sie manche der Nachbarn nur aufgrund ihrer (der Nachbarn) guten Ohren kennt: Sobald aus irgendeiner Wohnung Kinderlachen oder Musik käme, erhebe sich hier nämlich – wie das Amen im Gebet – großes „Ruhe“-Geschrei aus den Fenstern.

Aber die Hilfeschreie (der Hausmeister erzählte später, dass das Mädchen durch den halben Bezirk davongelaufen sei und der Mann sie erst bei der Einfahrt erwischt habe) sollte nur sie, J. – trotz der k.o.-Tropfen– gehört haben? Zuerst, sagte J., habe sie sich nur gewundert – aber dann habe sie die Klospülungen gehört: In fast jeder der 15 Wohnungen, die auf den Hof gehen, habe da mitten in der Nacht plötzlich das Wasser gerauscht. Erst da, sagte J., habe sie angefangen zu zittern. Und das hatte nichts mit ihrer Grippe zu tun.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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