Film als Schlupfloch der Kunst

20. Februar 2006, 11:59
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Kunst hat es schwer in Bosnien, so Lejla Hodžic, Kuratorin, Designerin und Kostümbildnerin des Berlinale Gewinner-Films "Grbavica" im dieStandard.at-Interview

Wenn Lejla Hodžic darüber spricht, dass sie sich jetzt auf die Mode verlagert hat, klingt bei der bosnischen Kuratorin immer ein wenig Wehmut und auch eine gewisse Verteidigungshaltung mit. Seit dem Krieg habe sich in Bosnien viel verändert und in der Kunst zu arbeiten, sei momentan einfach unmöglich.

1997 schien beinahe alles möglich.

Das "Sarajevo Center for Contemporary Art" eröffnete und rund um die Kunsthistorikerin und Kuratorin Dunja Blaževic scharte sich eine Reihe junger KünstlerInnen, die sich plötzlich in einem völlig neuen Arbeitszusammenhang sahen. "Das Besondere war, dass es zuvor keine bosnische Kunst gegeben hatte, auf die sich die KünstlerInnen beziehen hätten können. Anders als in Zagreb oder Belgrad musste hier etwas ganz Neues entstehen."

Zahlreiche Projekte und Ausstellungen entstanden und verließen in gleichen Moment auch schon den "geschützten" Bereich des Kunst- und Kulturbetriebes. "Es war für uns wichtig, mit unserer Kunst in den öffentlichen Raum zu gehen, direkt in den Städten präsent zu sein", so Hodžic. Doch trotz dieser massiven Öffentlichkeit fehlte ein ganz entscheidender Punkt: "Es gab und gibt in Bosnien einfach keine Kunstmagazine, keine Kritiken und auch keine Auseinandersetzung in den Medien. Das hängt auch sicherlich mit dem Fehlen einer bosnischen Kunstgeschichte zu tun."

2000 änderte sich die Situation wieder schlagartig.

Im Jahr 2000 zog die Soros Foundation das Geld für das Center ab. Seiner Schließung sollten noch viele andere Museen und Galerien folgen. "Die Situation verschlechtert sich zusehends. Es gibt keine Kulturpolitik in Bosnien, keine zuständigen Institutionen oder Personen. Und dadurch natürlich auch kein Budget für die Kultur." Mittlerweile sei es unmöglich, Ausstellungen oder Galerien zu betreiben, geschweige denn davon zu leben.

"Die Gelder aus dem Westen wurden einfach abgedreht und anders als in Belgrad oder Zagreb sind bei uns einfach keine Strukturen vorhanden." Viele der bosnischen KünstlerInnen wären deswegen in den letzten Jahren ins Ausland gegangen. Auch Lejla Hodžic hat mehrere Jahre in Frankreich und Graz gelebt, wo sie unter anderem 2003 die Ausstellungsserie "Balkan Konsulat" mit dem Verein gestaltet hat.

Was der Westen sehen will

"Nach dem Krieg wollten die westlichen Kuratoren immer nur Kunst sehen, die sich explitzit mit dem Krieg beschäftigt. Für uns war es aber wichtig, über das Leben während des Krieges zu arbeiten. Auch in dieser Zeit gab es Ausstellungen und Kunstproduktionen. Sie gaben uns das Gefühl, ein "zivilisiertes" Leben zu führen. Und es gab Liebe, Neid, Eifersucht, Alltag und das waren die für uns wichtigsten Themen. Das wollte aber der Westen nicht sehen."

Mode und Kostüme

Mittlerweile hat sich Lejla Hodžic ganz der Mode verschrieben und betreibt ihr eigenes Label "Studio Mrak" in Sarajewo, dessen Kleider unter anderem im Wiener Museumsquartier oder vom Grazer Modekollektiv Pellmell verkauft wird. Auch die Kostüme für den Berlinale-Gewinnerfilm "Grbavica"* hat Hodžic entworfen. "Ich mag diesen Film, weil er eben kein "typisch bosnischer", kein Kusturica-Film ist, der erst wieder alle Erwartungen erfüllt. Es ist ein Film über Liebe und Haß, der einfach in Bosnien spielt, überall sonst aber auch spielen könnte."

(e_mu)

*Grbavica ist der Stadtteil Sarajewos, in dem die sog. "Balkan-Kriege" begannen. Am 5. April 1992 wurde hier die Medizinstudentin Suada Dilberovic von einem Scharfschützen in der Menge einer Friedensdemonstration erschossen.

  • Mrak/Lejla HodžicDie bosnische Kuratorin Lejla Hodžic hat sich mittlerweile auf die Mode verlegt, für zeitgenössische Kunst sei momentan einfach kein Platz in Bosnien.

    Mrak/Lejla Hodžic

    Die bosnische Kuratorin Lejla Hodžic hat sich mittlerweile auf die Mode verlegt, für zeitgenössische Kunst sei momentan einfach kein Platz in Bosnien.
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