Religiöser Supermarkt Brasilien

27. Februar 2006, 13:22
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Grazer Religionssoziologe untersuchte die Entwicklung des brasilianischen Miteinander von Kirche und Kultur

Bei all den entlastenden Effekten, die Religiosität für den Einzelnen haben mag, für eine Gesellschaft ist ihre weite Verbreitung meist kein allzu gutes Zeichen: So konnte der Grazer Religionssoziologe Franz Höllinger mit einer 60 Länder umfassenden Vergleichsstudie zeigen, dass besonders religiöse Gesellschaften sozial rückständiger sind als säkularer orientierte. Als Indikator für Religiosität hat Höllinger den Bevölkerungsanteil erfasst, der täglich betet, und diesen Wert mit der sozialen Struktur der jeweiligen Gesellschaft in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich, dass der Anteil der Betenden klar mit dem Grad der sozialen Ungleichheit im jeweiligen Land korreliert.

Das Ausmaß der Religiosität allein durch den sozialen Zustand einer Gesellschaft erklären zu wollen, greift aber zu kurz, wie etwa die unterschiedliche religiöse Entwicklung der Staaten Europas nahe legt. Höllinger hat sich deshalb viele Jahre neben den sozialen auch intensiv mit den historischen Hintergründen des Christentums in Europa und den USA befasst. Unterstützt vom Wissenschaftsfonds führte er seine religionssoziologischen Studien zuletzt auch in Brasilien durch - einem der in puncto Religiosität wohl spektakulärsten und aktivsten Länder der Welt.

Gründe der vielgestaltigen religiösen Ausrichtung der Gesellschaft

In diesem brodelnden kulturellen Melting Pot verbinden sich afrikanische, indianische und europäische Religionen zu einem schillernden, spirituellen Gemenge: "Was mich an Brasilien so interessierte, war die Frage, warum es gerade hier zu einer so intensiven und vielgestaltigen religiösen Ausrichtung der Gesellschaft kam, die erstaunlicherweise beileibe nicht nur die armen Bevölkerungsschichten prägt", erklärt Höllinger. Eine Ursache für den religiösen Boom, auf die bereits zahlreiche Soziologen vor Höllinger hingewiesen haben, sind zweifellos die extrem schwierigen Lebensbedingungen in diesem von massiver Armut und Kriminalität gezeichneten Land. Eine befriedigende Erklärung für die ganz besondere Ausprägung und Vielfalt der Religiosität in Brasilien wurde bislang allerdings noch nicht geliefert.

Neben dem von den portugiesischen Kolonialherren eingeführten Katholizismus erfreuen sich in Brasilien seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch viele andere spirituelle Strömungen wie etwa der Spiritismus, afro-brasilianische Kulte, Pfingstkirchen, katholische Basisgemeinden, charismatische katholische Erneuerungsbewegungen und esoterische Gruppen einer beachtlichen Anhängerschaft. Für Höllinger mit ein Grund, sich besonders auf die historischen Bedingungen zu konzentrieren, die zu diesem florierenden "religiösen Supermarkt" geführt haben.

"Durch die Vermischung der indianischen Urbevölkerung mit den portugiesischen Kolonisten und den afrikanischen Sklaven entwickelte sich bereits in der brasilianischen Kolonialgesellschaft eine religiöse Kultur, die stark mit Elementen der magischen und spiritistischen Religiosität der indianischen und afrikanischen Stammeskulturen durchsetzt war", erklärt der Soziologe. Im Gegensatz zu Europa, wo im Zuge der Aufklärung, Reformation und Gegenreformation die traditionelle, von Magie und Ekstase durchdrungene Volksreligiosität allmählich zurückgedrängt wurde, habe eine derartige Entwicklung in Brasilien kaum stattgefunden. Zwar wurde der Katholizismus von den Portugiesen zur Staatsreligion gemacht, "aufgrund des chronischen Priestermangels war ihr Einfluss auf religiöse Verhaltensstandards allerdings eher gering", wie Franz Höllinger herausfand.

Charismatische Laien

Die zentrale Instanz für den religiösen Alltag der Menschen waren nicht die offiziellen Vertreter der katholischen Kirche, sondern charismatische Laien, denen besondere spirituelle und magische Kräfte zugeschrieben wurden. "Die für archaische Gesellschaften typische Verbindung von Spiritismus, Magie und Heilkunde", sagt Höllinger, "konnte dadurch unter der Oberfläche des Katholizismus weitgehend unbehelligt weiterleben. Die brasilianischen Schamanen sind eigentlich nie ausgestorben."

Der enorme Erfolg neuer spiritueller Bewegungen nach der Einführung der Religionsfreiheit lasse sich zu einem guten Teil aus deren Rückgriff auf jene tief verwurzelten Formen der traditionellen Volksreligiosität sowie aus ihrer geschickten Anpassung an moderne Lebensformen erklären. So spielen im religiösen Spektrum Brasiliens heute etwa die aus dem amerikanischen Protestantismus entstandenen zahlreichen Pfingstkirchen eine nicht unwesentliche Rolle. Zentrales Bestreben ihrer Anhänger ist es, im tranceartigen Zustand vom Heiligen Geist durchdrungen zu werden und ihrem Leben durch dieses "Wiedergeburtserlebnis" eine neue, bessere Ausrichtung zu geben.

Wie die afro-indianischen Kirchen, die charismatische Bewegung und die Spiritisten versprechen diese Gruppen umfassende Heilung - von physischen und psychischen Leiden bis hin zu Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Auf diese spirituellen Heilungsangebote greifen durchaus auch besser situierte und gebildetere Brasilianer zurück, wie Höllinger betont. Trotz der damaligen Zwangschristianisierung ist auch der Einfluss der afro-indianischen Religionen nach wie vor stark. Die bekannteste von ihnen ist Candomblé, eine brasilianische Variante des US-amerikanischen Voodoo; noch sehr nahe am afrikanische Erbe ist sie geprägt von rituellen Schlachtungen und ekstatischen Tänzen, bei denen in Trance afrikanische Götter inkorporiert werden.

Fließende Übergänge

Die heute am weitesten verbreitete Form ist Umbanda, eine neue Religion, die sich seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Synthese aus Elementen afrikanischer und indianischer Religionen und einer europäischen Variante des Spiritismus entwickelt hat. "Umbanda-Anhänger rufen die Geister afrikanischer und indianischer Schamanen, um sich bei diversesten Problemen Rat zu holen und negative Geister zu vertreiben", erklärt Höllinger. "Die Übergänge zur Magie sind - wie bei den rein afrikanischen Religionen - fließend."

Offiziell bekennen sich nur 0,3 Prozent der brasilianischen Bevölkerung zu afrikanischen Religionen. Die Dunkelziffer, sagt der Soziologe, sei aber beträchtlich höher. "Da diese Gruppen lange verboten und stigmatisiert waren und zudem die Anforderungen an ihre Mitglieder relativ hoch sind, zählen sich nur wenige zum inneren Kreis. Die Zahl der Sympathisanten ist aber sehr hoch." Immerhin bediene sich schätzungsweise jeder dritte Brasilianer fallweise der dort angebotenen Heilungspraktiken und magischen Rituale wie Liebeszauber und dergleichen.

Auch beim Kardecismus, einer aus Frankreich importierten Form des Spiritismus - zu dem sich etwa ein bis zwei Prozent der Brasilianer, also mehr als zwei Millionen Menschen, bekennen - geht es um Heilung mittels Kontaktaufnahme zu Geistern. Hier sind es aber keine afrikanischen Totengeister, sondern verstorbene Weise und Gelehrte aus der europäischen Geschichte (etwa Paracelsus), die um Hilfe angerufen werden. "Das Gros der Kernmitglieder sind gebildete, einflussreiche Multiplikatoren wie Ärzte, Rechtsanwälte, Psychologen und andere, erklärt Höllinger. "Der Spiritismus beschränkt sich also durchaus nicht auf eine gesellschaftliche Randgruppe."

Geisterwelt

"Auch wenn Brasilien bis ins 19. Jahrhundert offiziell rein katholisch war, haben die verschiedenen Elemente aus der afrikanischen und der indianischen Kultur weitergelebt", fasst Höllinger seine Beobachtungen zusammen. "Das gilt auch für den Volkskatholizismus, der ja immer mit Magie und Heilen verbunden war." Ob es sich nun um europäische Totengeister, afrikanische oder indianische Gottheiten, um Engel oder den Heiligen Geist handelt - "nahezu jeder Brasilianer", konstatiert Religionssoziologe Franz Höllinger, "glaubt an einen Teil dieser Geisterwelt. Und von diesem Potenzial zehren auch die zahlreichen neuen christlichen Kirchen." (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.2. 2006)

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Emotionale Nähe zum Forschungsobjekt
Franz Höllinger durchleuchtet komplexes Verhältnis von Spiritualität und Geschichte - Geistesblitz
  • In Brasilien verbinden sich afrikanische, indianische und europäische Religionen
zu einem schillernden spirituellen Gemenge. Tanz und Trance sind dabei enorm wichtig.
    foto: standard/höllinger

    In Brasilien verbinden sich afrikanische, indianische und europäische Religionen zu einem schillernden spirituellen Gemenge. Tanz und Trance sind dabei enorm wichtig.

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