Emotionale Nähe zum Forschungsobjekt

18. Februar 2006, 11:05
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Franz Höllinger durchleuchtet komplexes Verhältnis von Spiritualität und Geschichte - Geistesblitz

Der distanzierte Blick des Wissenschafters auf sein Forschungsobjekt schließt ein gewisses emotionales Nahverhältnis zu selbigem bekanntlich nicht aus. So überrascht es auch kaum, dass für den Religionssoziologen Franz Höllinger die Suche nach spiritueller Sinnerfüllung seit jeher ein zentrales Lebensthema war: "Aus der katholischen Kirche bin ich zwar schon vor über 20 Jahren ausgetreten, doch ich habe nach wie vor gute Kontakte zu diesen Kreisen." Auch Höllingers mittlerweile schon etwas abgekühlte Affinität zur New-Age-Bewegung hat die kritische Auseinandersetzung mit den spirituellen Aspekten verschiedener Gesellschaften eher gefördert als gehemmt.

Zur Soziologie ist der gebürtige Linzer übrigens erst nach einem Philosophie-, Psychologie- und Politikwissenschaftsstudium in Innsbruck und Salzburg gekommen: "Für mich ist sie die spannende Synthese all dieser Studienzweige." Seit 1983 forscht und lehrt Franz Höllinger am Grazer Soziologie-Institut, wo er sich in den ersten Jahren vor allem der stark statistikorientierten international vergleichenden Sozialforschung widmete. Im Rahmen seiner Habilitation untersuchte der heute 48-Jährige die Wurzeln der Religiosität in verschiedenen westlichen Gesellschaften, indem er sich mit den politischen und sozialen Implikationen sowie der gegenseitigen Beeinflussung von Herrschaftskirche und Volksreligion auseinander setzte.

Dass er seine Forschung schließlich auch in Lateinamerika durchführen konnte, betrachtet er als glücklichen Zufall. Mit der finanziellen Unterstützung des Wissenschaftsfonds war es ihm möglich, ein Jahr lang in Brasilien zu arbeiten und gemeinsam mit seiner brasilianischen Frau - die ebenfalls Soziologin ist - das bunte religiöse Leben in diesem Land zu studieren. "Die Vielfalt an Religiosität dort hat mich anfangs nahezu umgeworfen", erinnert sich Franz Höllinger. Obwohl er "ganz passabel" Portugiesisch spricht, war die Mitarbeit seiner Frau eine wesentliche Voraussetzung für die reiche wissenschaftliche Ausbeute: "Als Brasilianerin hatte sie einen leichteren Zugang zu den verschiedenen religiösen Gruppierungen, von dem das Projekt natürlich sehr profitierte." Das Buchmanuskript über diese laut Höllinger "aufregende" Forschungsarbeit soll bereits in den nächsten Monaten fertig gestellt werden.

Wie es danach beruflich weitergehen wird, ist noch nicht entschieden - möglicherweise sind größere Veränderungen, auch im geografischen Sinn, angesagt: Da gibt es zum einen die Idee, für längere Zeit nach Brasilien zu gehen, "andererseits würde es mich auch sehr reizen, einen für mich völlig neuen Kulturkreis hinsichtlich Religiosität zu untersuchen. Indien beispielsweise fände ich besonders attraktiv, da es dort ähnlich wie in Brasilien eine enorme religiöse Vielfalt gibt und sich die unterschiedlichsten Religionen miteinander vermischt haben - allerdings vor einem völlig anderen kulturellen Hintergrund."

Wie es sich für einen kreativen Soziologen gehört, ist Franz Höllinger freilich auch ein leidenschaftlicher Leser nicht nur wissenschaftlicher Literatur: "Ich sehe die Belletristik als eine wesentliche Inspirations- und Erkenntnisquelle für die Soziologie. Oft habe ich sogar den Eindruck, dass Romanschriftsteller die besseren Soziologen sind - mit ihrem scharfen Blick auf soziale Realitäten und ihrer Gabe, soziale Strukturen aus der Perspektive von Individuen darzustellen." Einer von Höllingers absoluten literarischen Favoriten ist, dem aktuellen Forschungsschwerpunkt entsprechend, der peruanische Schriftsteller und Literaturkritiker Mario Vargas Llosa. "Von dem lese ich alles, was kommt." Im Original, versteht sich. (grido/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.2. 2006)

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