Kampf im Technologienebel

28. Mai 2006, 19:59
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Werte zählen für die Weltgemeinschaft mehr als technische Erfolge - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Die Gurus des Informationszeitalters haben - wieder einmal - die bevorstehende Zeitenwende verkündet: "Mobiles TV markiert den Beginn einer neuen Epoche für unsere Industrie", sagte CEO Steve Ballmer auf der Mobilfunkmesse 3GSM in Barcelona, und malte in leuchtenden Farben die kommenden (Produkt-)Verheißungen aus dem Hause Microsoft aus. Wenige Tage später auf der FTD-Titelseite: "Milliardengrab Handy-TV: Anbietern droht bei der neuen Technik ein Desaster." Vorbei die Träume einer grenzenlosen mobilen Freiheit?

Ob die Technikträume wahr werden, hängt nicht nur von der Leistung der Ingenieure ab, sondern davon, ob sie von den Nutzern als Lösung erfahren werden statt als Problem. Wer einmal versucht hat, mit einem winzigen Smartphone zugleich zu telefonieren und den Terminplaner einzusehen, weiß, wovon die Rede ist. Die Zukunft zuverlässig einzuschätzen ist im Kampf um Positionen die größte Herausforderung:

1. Divergenz: Das Wesen von neuen Technologien ist, dass sie kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt werden. Das war schon beim ersten Computer der Fall - Watson's "Who will ever want to use a Computer?" spricht Bände - und es setzt sich fort bei PCs, Handys und Breitbandanschlüssen. Sowohl Unternehmen als auch Aktionäre tendieren daher dazu, entweder früh, aber sehr riskant, einzusteigen; oder spät, aber dafür viel zu teuer auf den Zug aufzuspringen. Das erklärt, weswegen in diesem Feld Risikokapital als Dünger unverzichtbar ist.

2. Akzeptanz: In den USA wurde das Blackberry von Research in Motion (RIM) in kürzester Zeit zum Massenartikel: Ideal auf die Zielgruppe der Manager zugeschnitten, ohne technisches Vorwissen zu bedienen, schnell und auf E-Mail-Nutzung fokussiert. Dank klarer Positionierung ist es zum "Must" geworden. Auch hier zeigt sich: Nicht die technisch beste, sondern die kundenfreundlichste und auf einen Massenmarkt skalierbare Lösung setzt sich durch.

3. Allianz: Ob sich der Vorsprung halten lässt - und gegen Angreifer wie Microsoft verteidigen - entscheidet sich vermutlich am 24. Februar, wenn in den USA das Urteil über die Patentstreitigkeiten mit NTP gesprochen wird. Neben Microsoft sind auch die Handy-Hersteller auf dem Weg ins Mobil-PC-Wunderland: Nokia, Sony Ericsson, Motorola und Samsung wollen noch heuer Alternativen zum Blackberry auf den Markt bringen. Insgesamt 47 Hersteller setzen bei ihren Handys und Smartphones auf Microsofts Windows-Betriebssystem - ein immenser Vorteil, wenn es darum geht, Mobilgeräte in die bestehenden Netze einzufügen.

4. Verantwortung: Der Spagat zwischen Kundenfreundlichkeit und Komplexität war bisher die größte Herausforderung für die Industrie - der Konflikt zwischen strategischen Zielen und politischen Werten kommt hinzu. Mit rund 110 Millionen Nutzern ist China nach den USA bereits der zweitgrößte Internetmarkt der Welt. Google, Cisco, Microsoft und - schwerpunktmäßig - Yahoo mussten sich in dieser Woche vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongress verantworten für ihre "aktive Akzeptanz" der chinesischen Zensur. Diese Verstoße gab Google-Vertreter Elliot Schrage zu; doch trotz "Unvollkommenheit" leiste die Firma einen Beitrag zur Ausweitung des Informationszugangs in China. Im empörten Aufschrei ob dieses Verrats an den Freiheitswerten geht unter, dass Google im großen Stil in die weltweite Vernetzung investiert.

Werte zählen jedoch für die Weltgemeinschaft mehr als technische Erfolge. Die Navigation in einer technisch komplexeren Welt fordert von den Unternehmen zunehmend nicht technische Fähigkeiten, um Kunden durch Einfachheit und Kulturen durch Sensibilität zu erobern.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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