Sprintläufe eines Muntermachers

24. Februar 2006, 13:04
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Friedrich Achleitner überzeugt mit einem weiteren Kurzprosaband: "und oder oder und"

Der literarische Kurzstreckenlauf gehört zu denjenigen Leistungen der Prosakunst, die den Sprachwerkzeugen die behutsamste, die penibelste Handhabung abverlangen. Vor der Zeit verloren scheint, wer die wenigen zur Verfügung stehenden Sätze mit semantischen Schwergewichten belädt. Friedrich Achleitner, der große Architekturkritiker, der als Literat der "Wiener Gruppe" zudem deren verschmitzteste Beiträge schuf, ist Statiker genug, um seine kaum jemals seitenlangen Notate, Kürzestgeschichten, Paradoxa, Gleichnisse und Alltagsbeobachtungen nicht über Gebühr zu belasten.

Achleitner belädt nicht, sondern er verflüssigt. Er fischt in alltagsverseuchten Gewässern nach Bedeutungsfunden, die er, des Grades an logisch-moralischer Verschmutzung ungeachtet, an Land zieht, um sie dort schmunzelnd zu beäugen. Gut möglich, dass ihm die obskursten Funde unter den Fingern zergehen. Die Textsammlung und oder oder und, des Dichters nunmehr dritte, ist demgemäß ein glücklich machender Fundkasten: Achleitner (75) behauptet nichts anderes, als dass der Realitätsgehalt seiner Entdeckungen und Beweisführungen aus nichts als Sprache gemacht ist. Beobachtet er also ein merkwürdiges Paar von Zwillingen, die nacheinander ein Zugabteil betreten, so drückt der Autor folgerichtig (in avantgardistisch tadelloser Kleinschreibung) "die kontrolltaste meiner wahrnehmung", um den gewonnenen Eindruck zu beglaubigen.

Überhaupt spielt der Eisenbahnwagon, auf die Häufigkeit seines Vorkommens bezogen, eine herausragende Rolle. Er gibt den archetypischen Schauplatz ab für Achleitners untrügliche Kunst des Changierens, des Registerwechsels, (nicht nur) in ihm werden Abstrakta und Nomina aus der Sphäre des Ideenhimmels heruntergepflückt, damit sie der Spekulationskünstler auf reellem Boden wertschätze und überprüfend genieße. Achleitners gelegentlich kalauerndes Dichten hantiert demgemäß mit allen Säuren einer überscharfen Skepsis: auch das ein untrüglicher Ausweis für die gebotene Kürze, für die meisterhafte Beherrschung einer im Grunde atemlos machenden Form.

Wenn einem wackeren Ritter der Gedanke einschießt, er möge sein nicht weiter bedeutsames Schwert mit dem Namen "Damokles" versehen, so muss die Figur - der Ritter - freilich gewärtigen, dass ihr in der sprichwörtlichen Redefigur der an der Wand hängenden Hieb- und Stichwaffe ein buchstäblich übermächtiger Gegner erwächst. Folgerichtig schreckt der Ritter in Achleitners Episode mit durchstoßener Brust aus unruhigem Nachtschlummer hoch: ein überaus eindrucksvoller, aber eben auch makabrer Triumph der Sprachverhältnisse über solche, die wir "realistische" oder "sachliche" zu nennen pflegen.

Wo sich die österreichische Lebenswelt in Achleitners Inventar hineindrängt, kommt sie als das vor, was sie meistenteils ist: ihre eigene Verballhornung. Und dort, wo Achleitner spürbar aus eigenem Erleben schöpft, nähert er sich mitunter den Material- und Erfahrungssammlungen Alexander Kluges an, den immens gefährdeten Belegen eines die Möglichkeiten von Individualität verbürgenden Eigensinns. Achleitners Prosastücke: kleine Glücklichmacher aus der Feder eines großen Widerspruchsgeistes. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2006)

Von Ronald Pohl
  • Friedrich Achleitner: und oder oder und€ 15,40/112 Seiten. 
Zsolnay, Wien 2006.
    buchcover: zsolnay

    Friedrich Achleitner:
    und oder oder und
    € 15,40/112 Seiten.
    Zsolnay, Wien 2006.

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