Das Leben ein Kunstwerk

24. Februar 2006, 13:04
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Harry Graf Kessler gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens im vergangenen Jahrhundert.

Eine umfangreiche Tagebuchedition und eine Biografie entreißen ihn nun dem Vergessen.


Früh eingepackt; von Mamma und Gee mich verabschiedet. Um 11 mit dem Train Transatlantique fort. 6 Personen im Kupee; eine alte Dame, die Vorsteherin einer Frauen-Universität in Virginien, ein Grieche, mit einem langen, ungepflegten Vollbart, ein dünner sehniger Amerikaner, der Amerikanische Gesandte in Brüssel; ein Franzose, dessen einziges Gepäck ein Cylinder und ein carrierter Cache Nez erschienen, und ich." Ich, das war Harry Kessler, deutscher Großbürger, später auch Graf, eine in Europa zwischen 1880 und 1937 allgegenwärtige Figur. Bei allen seinen Reisen, Begegnungen, Aktivitäten hat Kessler im Geiste mitgeschrieben. Sein Tagebuch gilt als herausragende Quelle für eine Epoche, die hinter dem extremen 20. Jahrhundert ein wenig im Verborgenen liegt und doch der gegenwärtigen in vielerlei Hinsicht stark ähnelt. Wirtschaftliche Sicherheit und kultureller Reichtum prägten das Leben der Oberschicht im Fin de Siècle. Niemand hat diese privilegierte Situation so intensiv in Zeitgenossenschaft übersetzt wie Harry Graf Kessler.

Er war ständig mit Kunst und Politik befasst, aber er war weder Künstler noch Politiker. Hugo von Hofmannsthal, mit dem ihn eine schwierige Freundschaft verband, erschien dies noch als tragisches Manko: "Der ganze Mensch, so voll Gaben - und doch ohne das Entscheidende - wie entsetzlich traurig." Das Entscheidende, das war das Fehlen eines eigenen Werks, das Kessler nicht vorweisen konnte, sieht man davon ab, dass er am Rosenkavalier mitgearbeitet und ein Tanzstück mit dem Titel Die Josephslegende verfasst hat, dessen Premiere auf einen der letzten Tage vor dem Ersten Weltkrieg fiel. Das fehlende "eigene" Werk von Kessler wurde erst später wahrgenommen - seine Tagebücher sind das Opus Magnum, und weil die Welt inzwischen gelernt hat, dass das Leben selbst ein Kunstwerk sein kann, hat Kessler vielleicht sogar "das Entscheidende" nicht gefehlt. Er war nur ein wenig zu früh dran mit seiner Objektivität, mit dem Gleichmut des Beobachtens, der ihn im Geschwätz der Salons und in revolutionären Umbrüchen nicht verließ.

Durch eine Auswahlausgabe aus seinen Tagebüchern war er einem kleinen Lesepublikum seit Langem bekannt. Seit zwei Jahren erscheint das Tagebuch nun kontinuierlich bei Klett-Cotta in Druck (eine offiziell noch nicht zitierfähige Gesamttranskription liegt auf CD-ROM auch schon vor). Zudem wurde die amerikanische Biografie Der rote Graf von Laird M. Easton übersetzt, die einen soliden Überblick über den Lebensweg von Harry Graf Kessler gibt, dabei aber überwiegend bei den Äußerlichkeiten bleibt. Das ist bezeichnend. Harry Graf Kessler hat Tagebuch geschrieben, aber er hat nicht eigentlich über sich selbst geschrieben. Es sind keine intimen Aufzeichnungen. "Im Kasino eine Bowle gegeben", ist als Eintrag wesentlich typischer als das Eingeständnis vom 5. April 1912: "Ich war sehr beunruhigt und gequält wegen und fühlte mich (wir kamen zu spät, zum letzten Satz der Siebenten Symphonie hinein) plötzlich erleichtert und erhellt, wie wenn Wolken von der Sonne weichen. Die Kunst bewirkt eine Ablenkung der Leidenschaft, Ablenkung auf ein Objekt, das nicht wehtut."

Der Kommentar zum Tagebuch fügt an dieser Stelle an, dass die Symphonie von Beethoven stammt, nicht aber, welchen Namen Kessler bewusst verschweigt. Mit einiger Sicherheit geht es um Hugo von Hofmannsthal, mit dem er 1912 gerade durch eine entscheidende Phase der gemeinsamen Arbeit geht. Während das Ballett Die Josephslegende für Kessler "die erste Verkörperung selbstgeborener Gestalten in Fleisch und Blut" bedeutet, hält Hofmannsthal, der offiziell auch als Autor geführt wird, sich aus der Sache heraus. Kessler hingegen will seine ganze nietzscheanische Weltanschauung in diese Pariser Premiere packen: "Ich thue mein Bestes; habe aber fast Alles ganz allein diesen nervösen, empfindlichen Menschen wie Fokine, Nijinski, Bakst, Sert, Miäsin gegenüber durchfechten müssen." Die russischen Ballettkünstler faszinieren den homosexuellen Graf Kessler, aber er sublimiert in diesen Monaten kräftig und erlebt mit der Uraufführung der Josephslegende dann doch noch einen kurzen gesellschaftlichen Triumph.

In dieser Episode kulminiert der zuletzt erschienene vierte Band des Tagebuchs, der überwiegend von dem Kulturpolitiker und Ästheten Kessler handelt - von seinen Bemühungen, aus Weimar ein Zentrum der Moderne in Deutschland zu machen, von einer grotesk schief gehenden Griechenlandreise mit Hofmannsthal und dem Bildhauer Aristide Maillol und von dem Fehlschlag bei dem Plan, in Weimar auch noch ein monumentales Nietzsche-Denkmal zu errichten. Zwischendurch ist Kessler ständig in Paris und London, verfolgt intensiv die Entwicklung der Malerei und betreibt Völkerverständigung. Einen offenen Brief über "Anglo-German Relations" unterzeichnen Richard Strauss und Werner Sombart, Ernst Haeckel und Adolf Harnack, Max Klinger und Robert Koch, und als einzige Frau Elisabeth Foerster-Nietzsche. Kessler unterschreibt in seiner Funktion als Vizepräsident des antireaktionären Deutschen Künstlerbunds.

Der England und Deutschland gemeinsame Bezug auf Shakespeare kann die Missverständnisse in der Flottenpolitik nicht aufwiegen. 1914 bricht der Krieg aus, und der Europäer Kessler verwandelt sich umstandslos in einen deutschen Patrioten. Als Offizier gerät er zwar kaum einmal selbst in Gefahr (im Gegenteil durchlebt er in Südosteuropa eine bukolische Liebesgeschichte mit einem Stabsadjutanten), aber er hält doch anfangs das Sterben für den Sieg für eine ganz natürliche Sache. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass ein früherer Geliebter, der Radrennfahrer Gaston Colin, auf der Seite der Gegner kämpft. Dass er bis 1918 an jeder deutschen Offensive regen Anteil nahm und gleichzeitig von der Schweiz aus die Möglichkeiten eines Separatfriedens mit Frankreich sondierte, ist kein Widerspruch. Er wollte Deutschland in erster Linie durch kulturelle Aktivitäten helfen, aber er war sich der Abhängigkeit von der Machtpolitik sehr wohl bewusst. Einem Gesprächspartner, der "geistige Weltherrschaft" für Deutschland erhofft, hält Kessler entgegen, "dass ein geistiger Imperialismus ohne politischen Rückhalt die Deutschen zu einer Art von Juden machen werde".

Es ist typisch für Kessler, dass er noch in seinen antisemitischen Stereotypen eine ganz eigene Vorurteilslosigkeit an den Tag legt. So tief er in den "rassischen" Kategorien seiner Zeit befangen war, so wenig ließ er sich davon jemals politisch blenden. Er war ein früher Vertreter deutscher Ostpolitik unmittelbar nach dem Krieg 1918, als er entscheidend mithalf, Josef Pilsudski in Warschau an die Macht zu bringen. Nach nur drei Wochen in diplomatischer Mission musste er Polen verlassen - die radikalen Kräfte hatten sich gegen seinen Versuch einer vermittelnden Politik durchgesetzt. In den Jahren der Weimarer Republik macht Kessler sich die progressiven Anliegen der internationalen Politik zu Eigen. Er vertrat pazifistische Ideen und setzte auf den Völkerbund. Es war ihm möglich, bei Vorkriegserfahrungen anzuschließen, die von rechten wie linken Vertretern eines radikalen Wandels ignoriert wurden.

Der europäische Kosmopolitismus vor 1914 hat in Kessler einen herausragenden Protagonisten. Es ist diese Figur, die in den bisher publizierten Bänden des Tagebuchs auftritt. Sie sind nicht immer einfach zu lesen. Die tägliche Betriebsamkeit hat, trotz steten Umgangs mit bedeutenden Persönlichkeiten, etwas Monotones. Zudem führte der Kunsthistoriker Kessler ausführlich Buch über seine Museumsbesuche.

Als zeithistorisches Dokument ist es auch in dieser Ausführlichkeit sicher von Bedeutung. Epochal aber ist es als Zeugnis einer Subjektivität, die sich ganz in die Dinge entäußert. Erfahrung und Hörensagen, Empfinden und Registrieren bringt Kessler in perfekte Synthese. Am 4. August 1914 schreibt er: "Wieder nach Bernau Pferde ausheben. Ein armer Bauer, dem aus Versehen vier Pferde weggenommen waren, weinte still vor sich hin. Das erste Kriegselend, das ich sehe. Abends Otto Dungern, der eine Schwadron bei den Reserve Dragonern bekommen hat, im Habsburger Hof aufgesucht. Mit ihm und seiner Frau gegessen. Die arme Frau glaubt nicht an seine Wiederkehr aus dem Kriege. Sonst aber schöner heiterer Abend im Gedenken an unsere nie getrübte Freundschaft. Varnbüler kam herein aus dem Reichstag, wo Bethmann seine sehr schöne Rede auch ergreifend gesprochen haben soll; ganz aus dem Innersten heraus. Spät die englische Kriegserklärung." (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.2.2006)

Von Bert Rebhandl

Der Autor ist regelmäßiger Mitarbeiter des STANDARD. Zuletzt erschien von ihm bei Zsolnay die Orson-Welles-Biografie "Genie im Labyrinth". (€ 22,10).
  • Laird M. Easton: Der rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit. € 40,70/575 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2005.
    buchcover: klett-cotta

    Laird M. Easton:
    Der rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit.
    € 40,70/575 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

  • Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937. Band 4 € 64,80/ 1270 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2006.
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    Harry Graf Kessler:
    Das Tagebuch 1880-1937. Band 4
    € 64,80/ 1270 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2006.

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