Studenten-Tauschen auf dem Balkan

8. März 2007, 10:58
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Die EU will den Balkan an den "Europäischen Hochschulraum" heranführen. Österreich arbeitet daran, die Kooperation in der Region zu verbessern

Man stelle sich vor, es gäbe Olympische Spiele im Erfinden unverständlicher Abkürzungen. Die Bildungs- und Forschungsprogramme der EU, Spezialdisziplin "Balkan-Initiativen", wären heiße Medaillenfavoriten. CEEPUS, TEMPUS, ERI SEE ist nur eine kleine Auswahl an Akronymen, deren wahre Bedeutung wohl nur Experten verstehen.

Dabei geht es um nichts weniger als um die Schaffung eines "Europäischen Hochschulraums", auch "Bologna-Strategie" genannt, und erklärtes Ziel ist, den Balkan hier einzubinden. Dafür engagieren sich österreichische "policy makers" (übersetzt: Beamte und Experten des Bildungsministeriums) seit 1992. CEEPUS, das "Central European Exchange Program for University Studies" fördert die Zusammenarbeit in einer Region, die immer noch die Kriege der 90er-Jahre trennen.

Heute sitzen Minister dieser Länder wieder zusammen - gerade an diesem Wochenende wieder in Ljubljana - und reden über Stipendien. Zum Beispiel will Albanien mit Serbien vereinbaren, im kommenden Jahr 50 serbische Studierende für je 11 Monate aufzunehmen sowie Studienplatz und Aufenthalt der Jungakademiker zu bezahlen. Serbien verpflichtet sich im Gegenzug, 100 albanische Studenten für mindestens sieben Monate zu denselben Bedingungen aufzunehmen. Ähnliche Vereinbarungen gibt es zwischen Albanien und Mazedonien, Mazedonien und Serbien, Albanien und Montenegro. So nehmen alle Teilnehmer auf Augenhöhe an CEEPUS teil, jeder entsprechend seiner eigenen Wirtschaftskraft. Österreich fungiert gleichzeitig als Moderator und größter Stipendiengeber. CEEPUS-Generalsekretärin Elisabeth Sorantin hält diese Konstruktion für "beinahe genial": "Die Länder vertrauen einander, dass der Austausch funktioniert", und er funktioniere immer. Bargeld fließt dabei nicht, und das ist wiederum wichtig im Kampf gegen die Korruption.

Denn Korruption ist auch im Bildungsbereich ein Thema. Sie findet weniger bei der Notengebung statt als bei den Aufnahmebedingungen an den Universitäten und Hochschulen. Wer "Verbindungen" hat - oder sich solche erkaufen kann - bekommt auch dann einen Studienplatz, wenn er die Verpflichtungen nicht erfüllt. Eine Hochschulstudie, die Mazedonien im Jahr 2003 durchführte, zeigt recht deutlich, dass sich die Studierenden in diesem Punkt wenigen Illusionen hingeben.

Auch aus diesem Grund sind Programme wie CEEPUS wichtig. Sorantin: "Bei uns wird alles elektronisch erfasst, jeder kann alles sehen, es herrscht absolute Transparenz. Da gibt es keinen Spielraum für Schiebung." Dass diese künftig nicht nur bei EU-Projekten unterbunden wird, dafür will eine andere Abkürzung sorgen - EUA, die European University Association, welche sich in knapp zwei Wochen, von 1. bis 3. März, in Wien trifft. Es geht um bessere Kooperation bei Basics: "Das fängt bei der Schaffung von allgemein gültigen Statistiken an und geht bis zur Anrechnung von Abschlüssen", sagt die Verantwortliche aus dem Bildungsministerium, Barbara Weitgruber. "Wir arbeiten daran, dass alle ein europäisches Level erreichen können."

Ganz normal sein Im Sommer findet, unter Leitung der WU Wien, in Budva (Montenegro) an der Adria die Balkan-"Sommeruniversität" statt, ERI SEE arbeitet an der Schaffung EU-konformer Uni-Strukturen. Und Expertin Sorantin will schon bald eines ihrer Lieblingsprojekte wieder beleben: die gemeinsame Aufarbeitung der Kriegstraumata. Schon 1999 hatten die Österreicher entsprechende Workshops initiiert - vielleicht zu früh: "Die Leute wollten lieber so normal wie möglich an ganz ,normalen' EU-Programmen teilnehmen."

Das zeitigt auch schon greifbare Erfolge: Ein CEEPUS-Netzwerk für Medizin und Informatik, das die Unis von Graz, Szeged, Maribor und Zagreb vereinigt, heimste bereits mehrere Preise für seine Kooperationen im Bereich der digitalen Mammografie ein. (DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.2.06)

Von Petra Stuiber
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