Zelte für die Clochards – auch gegen die soziale Kälte

22. Februar 2006, 08:36
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Ein Hilfswerk verteilt Zelte an Pariser Obdachlose - Aktion soll Verwaltung dazu bringen, dauerhafte Quartiere zu schaffen

Chantal holte sich ihr Zelt am Silvesterabend. „Es war saukalt“, erinnert sich die Obdachlose, die schon seit Langem unter einem Vordach des Centre Pompidou kampiert; früher im Schlafsack, jetzt mit einem richtigen Dach über dem Kopf. Es besteht zwar nur aus Segeltuch, aber das tut nichts zur Sache: „Ich warte nicht mehr voller Angst auf die Nacht.“

Randalierer

Vorher, da sei ihr im Schlaf auch mal eine Bierflasche an den Schädel geflogen, wenn andere SDF – Obdachlose: Sans domicile fixe – randalierten. Jetzt leistet sich Chantal nachts sogar einen Pyjama. „Es ist ein großer Unterschied, nicht in den Kleidern zu schlafen, die man tagsüber trägt.“ Derzeit schießen die Zelte in Paris wie Pilze aus dem Boden. Die Hilfsorganisation „Médecins du Monde“ (Ärzte der Welt) hat seit Mitte Dezember mehr als 250 Exemplare verteilt, nachdem zehn Clochards auf der Straße erfroren waren. Im Botschafterviertel stößt man auf die grauen und bordeauxroten Iglus, aber auch vor den großen Kaufhäusern oder eben hinter dem Centre Pompidou.

Mittlerweile hat sich fast jedes Mitglied der Gruppe, die sich an der Rückseite des Kultur- und Touristenzentrums gebildet hat, eines der Leichtzelte geholt. Nur einer von Chantals Nachbarn schläft weiterhin „draußen“.

Gefühl der Sicherheit

„Der hält nachts ohnehin immer ein Auge offen“, kommentiert Chantal lachend. Von sich selbst weiß die frühere Teilzeitangestellte zu erzählen, sie habe sich eines Tages plötzlich auf der Straße vorgefunden – „obwohl ich eine der besten Arbeiterinnen war“, wie sie mit Stolz mit der inzwischen rauen Stimme erklärt. Chantal fühlt sich im Zelt sicherer, zumal unter ihrem Kopfkissen ein Tränengasspray bereitliegt. Für viele Frauen, die an der Flasche hingen, seien die Zelte mehr als Wärmespender, meint die 49-jährige Französin mit dem ausblichenen Haar.

Ihre Nachbarin Judith, die einiges Altglas hinter dem Zelt stehen hat, sei schon immer anfälliger für nächtliche Angriffe gewesen. „In ihrem Zelt haben sie die Männer bisher in Ruhe gelassen.“ Chantal grüßt einen Studenten, der das Centre Pompidou aufsucht. „Die Jungen sprechen mit uns, wenn sie hier in der Warteschlange für die Bibliothek stehen.“ Und die Museumsbesucher? Mit den Touristen hätten sie kaum Kontakt, da in der Gruppe niemand bettle, meint die Obdachlose.

Die Anrainer wiederum hätten sich an die Zeltreihe gewöhnt und nie feindselig reagiert. Auch die für die Obdachlosen Zuständige bei „Médecins du Monde“, Graciela Robert, ist erfreut: „Das ist eine positive Überraschung. Nur wenige Bewohner fühlen sich durch die Zelte gestört.“ Linke wie bürgerliche Bezirksvorstände geben einzig zu bedenken, dass die Zelte keine Dauerlösungen werden dürften.

Mangel an Schlafstellen

„Ganz meine Meinung“, sagt die freiwillige Helferin, deren Team täglich neue Zelte ausgibt. In Paris gibt es noch tausende von Obdachlosen, die meisten an unauffälligen Orten. In Paris herrsche aber, erläutert Robert, ein gewaltiger Mangel an Notschlafstellen. „Außer wenn die Temperaturen unter minus zwei Grad sinken, stellen die städtischen Auffanglager die Leute jeden Morgen um 8 Uhr auf die Straße.“ Auf all das will „Médecins du Monde“ mit ihrer Aktion aufmerksam machen, um eine Dauerbeherbergung durchzusetzen. Nachdem man sich an Clochards auf den Trottoirs gewöhnt habe, könnten die Leute die Zelte nicht mehr so einfach übersehen, meint Robert. „Die sind zu gut sichtbar.“ (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD Printausgabe, 18.02.2006)

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    foto: stefan brändle
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