Flexibilität ist auch sinnvoll

10. März 2006, 19:37
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Wifo-Arbeitsmarktexperte Helmut Mahringer im STANDARD-Gespräch über Sinn und Gefahr der prekären Jobs

STANDARD: Working Poor ist ein Begriff, den man vor allem mit den USA verband. Ist das jetzt auch in Österreich ein Problem?

Helmut Mahringer: Es ist auch bei uns ein Problem, man muss sich nur den Sozialbericht ansehen: Selbst in Haushalten, in denen alle Erwachsenen beschäftigt sind, gibt es 235.000 Armutsgefährdete. Umgekehrt ist Erwerbstätigkeit ein relativ guter Schutz vor Armut. Aber Arbeit ist kein Garant mehr für ausreichendes Einkommen. Je höher die Qualifikation, desto geringer die Armutsgefährdung. Gerade bei prekären Arbeitsverhältnissen sind die Tätigkeiten nicht so qualifiziert, daher sind Teilzeit- und geringfügig Beschäftigte stärker armutsgefährdet.

STANDARD: Früher galt Teilzeit als Art Wundermittel: Alle lobten die Niederlande und deren hohe Teilzeitquote. Was hat sich verändert?

Mahringer: Es gibt für Teilzeitarbeit wie für prekäre Arbeitsverhältnisse eine Reihe von Gründen: Der eine ist, dass Betriebe stärker nach flexiblen Beschäftigungsformen suchen. Der zweite, dass die Erwerbsbeteiligung gerade bei Frauen stieg. Frauen haben oft Lebensumstände, die Vollzeitarbeit verhindern. Drittens hat man versucht, prekäre Beschäftigungsformen bewusst zu schaffen – um neue Beschäftigungstypen in die Sozialversicherung einzubinden. Einer der Versuche war die Werkvertragsregelung, der Versuch ist zum Teil geglückt, wir haben relativ viele Beschäftigte als neue Selbständige. Aber die Gefahr ist eben, dass neue Selbständige teils frühere Vollzeitarbeitsplätze ersetzen.

STANDARD: In welchen Branchen kommen prekäre Beschäftigungsverhältnisse besonders oft vor?

Mahringer: Es gibt Konzentrationen in den Dienstleistungsbranchen bei eher einfachen Tätigkeiten – etwa im Handel oder Gastgewerbe. Auch bei persönlichen Dienstleistungen gibt es prekäre Arbeitsverhältnisse, detto in der Sachgütererzeugung. Außerdem gibt es prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die dadurch entstehen, dass viele relativ kurze Perioden der Arbeit aneinander gereiht werden und immer wieder von Arbeitslosigkeit unterbrochen sind.

STANDARD: Wer ist besonders hart betroffen?

Mahringer: Wir beobachten eine starke Segmentierung am Arbeitsmarkt. Bei bestimmten Formen der prekären Beschäftigung, vor allem Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung, sind Frauen stärker betroffen. Bei Leiharbeit oder neuer Selbständigkeit ist die Zahl der Männer höher. Die kurzfristigen Beschäftigungsepisoden, immer wieder unterbrochen von Arbeitslosigkeit, treffen vor allem Junge. Die Einstiegsschwierigkeiten in den Arbeitsmarkt sind über die letzten Jahrzehnte wesentlich größer geworden. Bei den Älteren ist das Problem, dass die Wiederbeschäftigungschancen sehr gering sind. Wenn sie Beschäftigung haben, ist diese meist stabil.

STANDARD: Ist der Trend zu prekären Beschäftigungsverhältnissen aufhaltbar?

Mahringer: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind nicht etwas, das man abschaffen sollte. Denn sie steigen auch, weil bestimmte flexible Arbeitsformen in die Sozialversicherung integriert wurden – und das ist sinnvoll. Ideal wäre, wenn prekäre Beschäftigung nur eine Zwischenstation wäre. Aber das Ausbrechen ist schwierig: Bei Teilzeitarbeit etwa gibt es oft keine Chance zur Fortbildung und internem Aufstieg, damit ist das Weiterkommen beeinträchtigt. Daher haben diese Segmente gewisse Abschottungstendenzen, der Übergang ist nicht leicht. Wenn man da etwas tun wollte, müsste man Weiterbildung für Teilzeitkräfte fördern.

Ein anderer Ansatzpunkt: Es gibt in bestimmten Lebenssituationen oft keine andere Möglichkeit als ein prekäres Arbeitsverhältnis. Daher könnte man politisch diese Lebensumstände ändern. Ein Beispiel: Wenn es ein ausreichendes Angebot guter und leistbarer Kinderbetreuung gibt, stellt sich die Problemlage für Eltern anders dar. Derzeit sagen 60 Prozent der Teilzeitbeschäftigten, dass sie wegen familiärer Pflichten nicht Vollzeit arbeiten.

STANDARD: Seit 2006 gibt es den Dienstleistungsscheck. Ist auch das ein Lösungsansatz?

Mahringer: Auch das ist der Versuch, von Schwarzarbeit zu sozialversicherter Arbeit zu kommen. Der Versuch ist sinnvoll, obwohl ein Job mit Dienstleistungsscheck ein prekärer ist. Die Wirkung des Dienstleistungsschecks wird aber gering bleiben – weil es für beide Seiten keine starken Anreize zur Nutzung gibt. In anderen Ländern lockte man mit steuerlichen Begünstigungen oder einer Subvention – beides gibt es in Österreich nicht. (DER STANDARD, ALBUM, 18./19.2.2006)

Das Gespräch führte Eva Linsinger.
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