Es gibt kein Auskommen

10. März 2006, 19:37
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Das Leben am finanziellen und physischen Limit kränkt – und macht krank - Von Martin Schenk

Frau L. ist ein Beispiel von vielen: Sie hat bei einer Personalleasingfirma einen Job als Hilfsarbeiterin gefunden, arbeitet im Schichtbetrieb einer Lebensmittelfirma und verdient 600 Euro netto. Um vier Uhr früh holt sie ein Firmenbus ab. Um in der Nacht zum Treffpunkt zu gelangen, ist sie gezwungen, bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit mit dem Moped durch die halbe Stadt zu fahren, denn um diese Zeit fahren noch keine öffentlichen Verkehrsmittel. Die Kinder der Frau L. müssen allein aufstehen und in die Schule fahren. Auch deswegen hatte sie große Bedenken, diese Arbeit anzunehmen. Aber: Ihr würde eine Sperre der Notstandshilfe für sechs Wochen drohen, sollte sie diesen Job nicht annehmen.

Arbeit schützt vor Armut nicht. Auch nicht in Österreich. Hier zu Lande gibt es bereits 235.000 Menschen, die in Haushalten leben, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht reicht, um die eigene Existenz – und die der Kinder – zu sichern. Die Sozialstatistik nennt diese Gruppe armutsgefährdet, weil ihr Haushaltseinkommen unter der offiziellen Einkommensarmutsschwelle liegt. Die so genannten Richtsatzergänzungen in der Sozialhilfe, das sind jene Leistungen, die auch bei zu geringem Erwerbseinkommen ausbezahlt werden, haben in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Frauen sind davon stärker betroffen als Männer, denn um Kinder gut zu betreuen, ist Vollzeitarbeit oft gar nicht möglich und ein Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen oft nicht verfügbar.

Ein beträchtlicher Teil der aktuellen Arbeitsmarktdaten wird aus Jobs gebildet, die prekär und nicht existenzsichernd sind: befristete Beschäftigung, Leiharbeit, Arbeit auf Abruf, Telearbeit, geringfügige Beschäftigung, "freie Dienstverträge" oder arbeitnehmerähnliche Selbstständigkeit.

Suche nach Alternativen

Für die einen bedeuten solche Jobs eine Vergrößerung ihres persönlichen Handlungsspielraums, für andere eine unfreiwillige Beschränkung. Studien besagen beispielsweise, dass 43 Prozent der geringfügig Beschäftigten nach Alternativen in Form einer regulären Vollzeitbeschäftigung, Teilzeitbeschäftigung oder einer echten selbstständigen Tätigkeit suchen.

Konrad H. wurde von einer Werbefirma nach einer Kurzeinschulung am Vortag um halb sieben Uhr früh in die Firma gebeten. Dort musste er bereits beim Verladen von Werbematerialien mithelfen und wurde gezwungen, um eine Kaution von vier Euro ein Wagerl auszuleihen. Als Selbstständiger hätte er dieses Betriebsmittel selbst in die Arbeit mitzunehmen. Im wirklichen Leben ist Konrad Hofer Sozialwissenschafter. Er arbeitete undercover als Lkw-Fahrer, Leiharbeiter und eben als Werbemittelverteiler. Seine Erfahrungen liegen in Buchform vor. Als "Ich-AG" in der Werbefirma durfte er gegen neun Uhr Vormittag das Lager in Richtung Verteilereinsatzgebiet verlassen, er wartete weiter an einem vereinbarten Treffpunkt auf die Werbematerialien. Als der Kleintransporter endlich kam, durfte Hofer mit dem Verteilen noch immer nicht beginnen, weil ein Werbezettel einer Möbelfirma fehlte. Erst um elf Uhr konnte er starten. Er arbeitete schnell und ohne Pause, gegen 17.00 Uhr war er hungrig, durstig, fix und fertig.

Hofer wollte seine "selbstständige" Arbeit am nächsten Tag fortsetzen, das aber ließ der Chef nicht zu: Die Zettel hätten noch heute an den Türen zu hängen, sonst gäbe es kein Geld. Am Tag der Abrechnung staunte Hofer tatsächlich nicht schlecht, als auf seinem Gehaltszettel bloß 15,21 Euro brutto aufschienen und sein Nettogewinn verblüffende 13,70 Euro betrug, weil Fahrgeld, Versicherungsspesen und Weggeld abgezogen worden waren.

Elendsunternehmer

Die neuen Elendsunternehmer und Scheinselbstständigen erfahren das angebliche Abenteuer der Freiheit als wirklichen Zwang in die Unfreiheit, denn die oft unfreiwilligen Ich-AGs haben alle Nachteile eines Unternehmers, ohne seine Vorteile genießen zu dürfen. "Sei besonders", sagen dann die Berater auf den Wirtschafts- und Lebensseiten der Magazine, "sonst wirst du ausgesondert." Wer den sozialen Absturz am eigenen Leibe erfährt, soll nämlich das Desaster zur wertvollen Erfahrung und zur Basis künftiger Triumphe umfantasieren – oder sich ganz verstecken.

Unsichere Jobs gehen meist mit einem Mangel an Anerkennung einher. Hohe Beanspruchung bei gleichzeitig niedriger Anerkennung macht verletzlich. Fazit: Das Leben am finanziellen und physischen Limit kränkt, macht krank. "Gratifikationskrise" wird dieses Phänomen in der Gesundheitsforschung genannt. Sie wirkt besonders bei Menschen, die in prekären Billigjobs arbeiten. Die Folge: zum Beispiel eine hohe Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Krankheiten

Die so genannte Managerkrankheit – Bluthochdruck und Infarktrisiko – tritt bei Armutsbetroffenen dreimal so häufig auf wie bei Managern selbst. Aber nicht, weil die Manager weniger Stress haben, sondern weil sie die Freiheit haben, den Stress zu unterbrechen: mit einem schönen Abendessen oder einer Runde Golf.

Niedriges Erwerbseinkommen schlägt sich in nicht existenzsichernden Sozialleistungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und in der Pension nieder. Wer sein Leben lang in prekären Jobs arbeitet, wird keine existenzsichernde Pension zusammenbekommen, das Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe sind so gering, dass man im Falle eines Jobverlusts keinen Tag überleben kann. In Österreich sind über 100.000 Menschen nicht krankenversichert, das sind fast zwei Prozent der Wohnbevölkerung, die nicht wissen, was sie mit ihren geringen Mitteln zuerst zahlen sollen: Miete, Lebensmittel oder Krankenversicherung?

Im Sozialstaat "rheinisch-korporatistischer" Prägung wie in Österreich setzen sich prekäre Arbeitsverhältnisse und nicht durchgängige Erwerbsbiografien ungebrochen in den Systemen sozialer Sicherung fort. Diesem stark am Versicherungsprinzip und am männlichen Ernährerhaushalt ausgerichteten Sozialstaatsmodell fehlen Mindestsicherungselemente sowie universelle Leistungen. Es mangelt auch an Bildungschancen – unabhängig von der sozialen Herkunft.

Sozial ist Arbeit nur, wenn man davon leben kann

Genau in diese Situation hinein dröhnen die Parolen "Arbeit muss sich wieder lohnen" und "Sozial ist, was Arbeit schafft". Aber das scheint eine unzureichende Verkürzung. Sozial ist Arbeit nur dann, wenn man davon leben kann. Trotzdem wird an der falschen Annahme festgehalten, dass Erwerbsarbeit automatisch Armut reduziert. Es gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und hoher Armut wie zum Beispiel die USA oder Großbritannien. Es gibt Länder mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Armut: Spanien, Griechenland. Und es gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und geringer Armut: Dänemark und Schweden.

Erst die Kombination aus geringer Arbeitslosigkeit und hohem Niveau sozialer Sicherungssysteme reduziert Armut. Die Working Poor haben weder Freiheitsgewinn noch soziale Absicherung. Alle politischen Versprechungen zu prekärer Arbeit messen sich an den zwei Parametern: Werden soziale Risiken im Alter, im Falle einer Krankheit und bei Jobverlust abgesichert? Und werden Selbstbestimmungsspielräume für die Beschäftigten erweitert?

Frau L. fährt einstweilen durch die dunkle Stadt. Die Kinder schlafen noch. Es gibt kein Auskommen. (DER STANDARD, ALBUM, 18./19.2.2006)

Zur Person

Martin Schenk arbeitet als Sozialexperte bei der Diakonie Österreich, Schwerpunkte sind Welfare Policy und Menschenrechte. Er ist Mitinitiator des Anti-Armut Netzwerks "Die Armutskonferenz".
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