Außer Atem

10. März 2006, 19:37
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Prekär Beschäftigte haben meist nicht einen, sondern viele Jobs. Sie verdienen wenig, arbeiten viel. Sie leben in einer "Zwischenwelt"

Nennen wir sie Rosa. Rosa steht exemplarisch für eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich in einer Art Zwischenwelt innerhalb der Arbeitswelt behaupten müssen – als, wie man sagt, "prekär Beschäftigte".

Ihre Art zu arbeiten ist das Produkt einer sich radikal verändernden Wirtschaftswelt, in der die Verantwortung für Mitarbeiter zu einem unternehmerischen Luxus geworden ist, den man sich schlicht nicht mehr leisten will oder kann. Was tun, wenn man auf der anderen Seite steht und unter Umständen trotz bester Ausbildung keinen Job bekommt, also keine "Anstellung"? Man wird "neuer Selbstständiger", man bildet die berühmte "Ich-AG" und schaut selbst, wo man bleibt. Und das ist auf Dauer ausgesprochen anstrengend.

Rosa zum Beispiel ist 32, sie hat Geschichtswissenschaften studiert und bereits während des Studiums eine Ausbildung als Coach absolviert. Erstens, weil sie das interessiert hat, zweitens, weil man ja nie weiß. Heute kommt ihr dieses zweite Standbein sehr zupass, denn Rosa hat keine Anstellung, dafür eine Vielzahl unterschiedlichster Jobs. Mit einem allein könnte sie ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren.

Dauerengagement

Ihre Werkstätigkeit wirft pro Jahr in etwa 12.000 bis 13.000 Euro netto ab, und um überhaupt auf diese Summe zu kommen, ist Dauerengagement angesagt. Denn tatsächlich besteht eine der wichtigsten Beschäftigungen prekär Beschäftigter darin, Beschäftigungen zu akquirieren, also in einer Art Dauerlauf auf Teilzeitjobsuche zu sein, und die entsprechenden Netzwerke, in denen man tätig ist, zu pflegen.

Rosa arbeitet als externe Lektorin anuf Universitäten in Wien und Klagenfurt. Sie befasst sich zudem mit kleineren Forschungsaufträgen, macht Gruppencoachings und Trainings, schreibt nebenbei an einer Dissertation und arbeitet in heißen Phasen bis zu 60 Stunden pro Woche. Denn: "Man muss stets auf mehrere Jobs setzen und bangen, dass etwas daraus wird." Man kann es sich nicht leisten, ein Angebot auszuschlagen, weil man sich damit die Chance auf ein nächstes ganz schnell verbaut.

Ständige Unsicherheit

Es sind weniger die ständige Unsicherheit und die ausgesprochen miese Entlohnung dieser Part-Time-Jobs, die ihr auf die Nerven gehen, als die für Angestellte und natürlich auch für Auftraggeber schwer nachvollziehbare Kraftanstrengung, die ein stetes Job-Hüpfen mit sich bringt. Während Rosa also zurzeit einer Gruppe "Team- und Organisationsentwicklung" beibringt, bereitet sie Vorlesungen zu völlig anderen Themenbereichen vor, liest sich hier in ein wissenschaftliches Projekt ein, organisiert dort eine Coachinggruppe, hält zwischendurch nach Arbeit Ausschau, die sie durch die nächsten Monate bringen wird. "Dieses Switchen zwischen den verschiedensten Bereichen ist sehr schwierig", sagt sie, "ich bemerke manchmal, dass ich nicht so konzentriert und bei der Sache sein kann, wie ich gerne möchte, und ich bin dabei, gewisse Pufferzeiten in meinen Arbeitsplan einzubauen, weil sonst geht langfristig gar nichts mehr."

Dass sie mit wenig Geld ihr Auslangen finden muss, stört die Historikerin nur manchmal wirklich. Sie lebt in einer Vierer-Wohngemeinschaft, leistet sich weder teure Ausflüge in Lokale noch Urlaube, gibt kaum Geld für Kleidung aus, ist mit dem Fahrrad und nicht mit den Öffis unterwegs, rezensiert für Fachmagazine Bücher, um die nicht kaufen zu müssen, und gibt an, sich als einzigen "wirklichen Luxus" mit drei anderen ein Auto zu teilen.

Stichwort Urlaub: Den hat man als prekär Beschäftigte sowieso nie wirklich, weil man von spontanen Jobangeboten abhängig ist, und wann die eintrudeln, kann man selbst so gut wie nicht bestimmen. Überhaupt die Freizeit: "Die bleibt eigentlich ziemlich auf der Strecke", sagt Rosa, "weil für Spontanität gibt es kaum Zeit, entspannen kann man nur, wenn die Anzahl der gerade aktuellen Projekte überschaubar bleibt. Ich bin ein Mensch, der mehrere Projekte gut organisieren kann, aber oft wird es zu viel, und ich habe ich das Gefühl, allem nur noch hinterherzulaufen."

Wirklich problematisch ist – und zwar für alle prekär Beschäftigten gleichermaßen – die Frage der Versicherung und Versteuerung auf den unterschiedlichsten Ebenen. "Tatsächlich ist das eines der Hauptgesprächsthemen, wenn ich mit Leuten zusammensitze, die auch so arbeiten wie ich", sagt Rosa.

Unzureichende Regelungen

Sie ist bei der Gewerblichen Sozialversicherung grundversichert, aufgrund ihrer gelegentlichen universitären Beschäftigungen vermischen sich allerdings die Kranken- und Pensionskassen, bei denen sie gerade einzahlt, zu einem völlig undurchsichtigen Filz, der nur am Ende des Jahres halbwegs transparent wird, wenn nämlich die jeweiligen Abrechnungen und Nachzahlungsforderungen zugestellt werden. "Manchmal habe ich das Gefühl, fast so viel nachzuzahlen, wie ich verdiene", sagt sie, "und wenn ich etwa ein Stipendium bekomme, weiß mitunter nicht einmal mein Steuerberater, wie man damit umgehen soll."

Die neue Zwischenwelt der Arbeitswelt ist durch das aktuelle Arbeitsrecht völlig unzureichend abgedeckt, und das demonstriert auch der einzige Vorfall, der Rosa wirklich aus der Ruhe bringen konnte: Eines Tages sagte sich das Finanzamt zu einem "Hausbesuch" an, weil man mit der Beschäftigungsangabe "Forschung und Training" in den gängigen Systemen nichts anzufangen wusste. Rosa: "Die haben echt geglaubt, ich betreibe hier eine Scheinfirma samt Geldwäsche. Das war der einzige Moment, in dem ich mir wirklich gedacht habe, Schluss, jetzt muss eine Anstellung her, ich will so nicht mehr arbeiten und leben."

Nachfolge des Proletariats

Die prekär Beschäftigten, behauptet der italienische Soziologe Sergio Bologna in seiner vor Kurzem erschienenen Publikation "Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit", bilden heute als "Prekariat" eine Art Nachfolge des Proletariats. Die Prekären sind Unternehmer, Investoren, Arbeitnehmer in einer Person, sie stellen ihre Arbeitsplätze und Betriebsmittel selbst und schöpfen Wert für Unternehmen, die sich als Nutznießer dieser neuen Szene freuen dürfen. Im Wirtschaftsjargon nennt man das schon seit geraumer Zeit "Outsourcing".

Rosa ist zufälligerweise im Wissenschaftsbereich tätig, in dem die Honorare für Universitätsexterne im vergangenen Jahrzehnt um gut ein Drittel geschrumpft sind, doch unzählige andere Branchen zeigen ganz ähnliche Szenerien. Die italienischen Journalisten Antonio Incorvaia and Alessandro Rimassa beschreiben in ihrer Internet-Novelle "Generazione 1000 Euro" dieses Phänomen, in dem sich ihrer Ansicht nach "Millionen von Europäern" wiederfinden. Viele von ihnen würden in tollen, trendigen Branchen arbeiten, bei Medien, im Eventmanagement, im Marketing. Doch, so Rimassa zum britischen Observer: "Obwohl sie Verantwortung tragen und unter großem Stress stehen, verdienen sie kaum Geld damit."

Auch Rosa sagt: "Ich bin nicht allein, wir sind eine große Gruppe." Und die beginnt sich zu organisieren. Unterstützung kommt etwa von der Gewerkschaft der Privatangestellten (Rosa: "Die leisten echte Pionierarbeit") oder von Organisationen wie der "IG externe LektorInnen". "Ich bin nicht gefrustet", sagt sie, "vielen geht es viel schlechter – aber irgendwann einmal wünsche ich mir schon ein etwas anderes Leben." (DER STANDARD, ALBUM, 18./19.2.2006)

Von Ute Woltron
  • Working Man's Death - Bilder zur Arbeit im 21. Jahrhundert
Der Film "Workingman's Death" von Michael Glawogger untersuchte an sechs verschiedenen Orten der Welt den aktuellen Stellenwert des Schwerstarbeiters. Jetzt erschien im Mandelbaum Verlag das gleichnamige Buch, ohne ein "Buch zum Film" sein zu wollen. Das Buch ergänzt die Schauplätze und Gedankenwelt des Films, sagt Glawogger, wie etwa die Geschichte rund um eine Fahrradmine in der Ukraine: "Wir filmten dort eine Schicht lang . . . Wie konnten sie jeden Nachmittag so viele Kohlensäcke an die Oberfläche bringen, wenn ihre Arbeit nur so langsam vor sich ging? Sie meinten, sie legten oft Extraschichten ein. Aber irgendwo ging das nicht zusammen. Ein junger Helfer erzählte uns am Ende des Drehs, dass sie normalerweise die Kohle aus dem Schacht sprengen, dass sie uns aber schützen wollten, da der Stollen ja jederzeit einbrechen könne." (Fotos: Working Man's Death, Mandelbaum Verlag)
    cover: mandelbaum verlag

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  • Artikelbild
    foto: www.workingmansdeath.com
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