Frisch plombierte Fassaden

9. August 2006, 11:21
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Restaurieren, abreißen oder irgendetwas dazwischen – diese Frage stellt sich häufig, wenn es um den Umgang mit historischer Bausubstanz geht

Restaurieren, abreißen oder irgendetwas dazwischen – diese Frage stellt sich häufig, wenn es um den Umgang mit historischer Bausubstanz geht. Sowohl auf der Wiener Ringstraße als auch in der Grazer Innenstadt sind architektonische Umwälzungen im Gang.

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Die Fassade der ehemaligen Österreichischen Staatsdruckerei am Wiener Rennweg steht noch. Dahinter klafft allerdings eine Baustelle, auf der die CA Immobilien Anlagen AG um 86 Millionen Euro das Viersternehotel "Domina Belvedere" mit angeschlossenem Bürogebäude errichtet. "Entkernung" lautet der Fachbegriff für diesen Vorgang, bei dem die historische Fassade eines Gebäudes erhalten wird, die innere Struktur aber einem modernen Bau weicht.

Im Falle der von Carl Köchlin geplanten und 1892 errichteten K.u.K. Hof- und Staatsdruckerei bleibt neben der Fassade auch in der acht Meter hohen Lobby des Hotels historische Bausubstanz erhalten. Dahinter fügt sich ein von Ernst Hoffmann geplantes Objekt aus Glas und Beton an, in dem den Gästen 350 Zimmer, davon 31 Suiten, Fitnessräume und ein Konferenzraum mit 1800 Sitzplätzen zur Verfügung stehen werden.

Zwischenlösung

Die gesetzliche Grundlage für diese Zwischenlösung aus Neubau und Bewahrung alter Bausubstanz liegt beim Stadtbildschutz, wie Barbara Neubauer, Leiterin des Landeskonservats für Wien, erklärt. "Die Fassade ist durch eine Schutzzone geschützt. Dabei geht es allerdings nur um das äußere Erscheinungsbild. Das Innere kann der Besitzer gestalten, wie er möchte." Die CA Immobilien AG begründet den aufwändigen Umbau mit den Anforderungen an ein Viersternehotel, dem die alte Bausubstanz nicht mehr gerecht werde. Da die Staatsdruckerei nicht unter Denkmalschutz steht, ist eine Erhaltung des gesamten Objekts von Gesetzes wegen auch nicht notwendig.

Ein wenig anders sieht das bei denkmalgeschützten Gebäuden aus. "Totalentkernung ist aus Sicht des Denkmalschutzes nicht vorgesehen. Wir wollen auch die innere Struktur eines Gebäudes, also Decken, Mittelmauern und Stiegenhäuser erhalten", erklärt Neubauer. "In Wien wurden an denkmalgeschützten Gebäuden nur beim Hochholzer Hof, in dem sich die Bawag befindet, und den drei Ringstraßengebäuden, in denen heute das Hotel Le Méridien untergebracht ist, Entkernungen vorgenommen." Das Hotel wurde von Manfred Wehdorn geplant, der Entkernungen grundsätzlich eher kritisch gegenüber steht.

Ausnahme Entkernung

"Wann immer es möglich ist, bin ich gegen eine Entkernung." Man müsse an so ein Projekt allerdings möglichst objektiv herangehen. Dabei stellt sich für Wehdorn die Frage, was von der ursprünglichen Bausubstanz noch erhalten ist und welchen Wert es hat. Die Ringstraßenpalais, in denen sich heute das Hotel Le Méridien befindet, waren laut Wehdorn schon ursprünglich für eine wirtschaftliche Nutzung vorgesehen. "Das waren von vornherein Spekulationsbauten, die nicht von bekannten Architekten, sondern von planenden Baumeistern geplant und mehrmals umgebaut wurden." Nach Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs seien Teile der inneren Struktur durch Stahlbeton ersetzt worden. In diesem Fall gelte es abzuwägen, ob es die originale Bausubstanz Wert sei, erhalten zu werden.

Trotzdem plädiert Wehdorn für einen sensiblen Umgang mit historischen Gebäuden. "Der Architekt muss sich zurückhalten. Das Kompliment ist unauffällig zu sein, sich unterzuordnen."

Tiefgarage mit Dachterrasse

Sensiblen Umgang mit historischen Gebäuden hat das Architektenpaar Karla Kowalski und Michael Szyszkowitz beim Bau einer Tiefgarage unter dem Traditionskaufhauses Kastner & Öhler in der Grazer Innenstadt bewiesen. Von außen sieht man von der fünfstöckigen Garage, deren imposante Baustelle monatelang die Blicke der Passanten auf sich zog, nichts mehr. Denn als Garagenzufahrt wurde eine bestehende Unterführung genutzt. Im Inneren windet sich die Auffahrt der Tiefgarage in einer spektakulären Spirale fünf Stockwerke in die Tiefe. Von der düsteren Bedrohlichkeit, die zumeist von Kaufhausgaragen ausgeht, ist hier aufgrund des Lichteinfalls wenig zu spüren.

Die Dachterrassen mit 360-Grad-Rundblick, die spanische Architekten nun auf das Kastner & Öhler Gebäude setzen wollen, treffen da weniger auf Zustimmung. Wilfried Lipp, Österreich-Präsident der internationalen Fachorganisation der Denkmalpflege, kritisierte gegenüber der APA, dass die Metallkonstruktion die zum Weltkulturerbe zählende Dachlandschaft um neun Meter überragen würde. (Katharina Santner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.2.2006)

  • Das Le Meridien an der Wiener Ringstraße.
    foto: standard/cremer

    Das Le Meridien an der Wiener Ringstraße.

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