Andritz kauft Hydro von Siemens

28. März 2006, 19:19
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Ein Jahr nach Über­nahme der VA Tech spuckt Siemens die Wasserkraft wieder aus und verkauft Hydro an die Grazer

Wien - Nun ist es fix: Auch der letzte Rest der VA Tech wird filetiert. Wie von der EU-Wettbewerbskommission verlangt, verkauft Siemens den Wasserkraftwerksbau, behält sich - entgegen anders lautender Beteuerungen - den kalorischen Kraftwerksbau ("Combined Cycle") aber doch selbst.

Als präsumtiven Käufer präsentierte Siemens-Österreich-Chefin Brigitte Ederer - nur drei Tage nach Ende der Angebotsfrist - den Grazer Maschinen- und Anlagenbaukonzern Andritz. Über den Kaufpreis schwieg sich Ederer, wie auch Andritz-Großaktionär und -Vorstandschef Wolfgang Leitner, in einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Freitag wortreich aus: Man könne dazu nichts sagen, weil die Verhandlungen noch gar nicht restlos abgeschlossen seien. Außerdem müsse noch die EU-Kommission zustimmen, weshalb Leitner das Closing erst im Mai erwartet.

Siemens-Insider nannten am Freitag für den Kaufpreis eine Range von 170 bis 180 Millionen Euro - also deutlich weniger als die von Ex-Siemens-General Albert Hochleitner seinerzeit genannten 300 bis 500 Millionen. Dazu Ederer knapp: "Mein Vorgänger ist ein sehr ehrgeiziger Mann gewesen."

Cross-Holding ausgestochen

Die 170 bis 180 Millionen haben für Andritz jedenfalls gereicht, um den zweiten verbliebenen Bieter auszustechen. Das aus der Cross-Holding des KTM-Großaktionärs Stefan Pierer, UIAG und Porr bestehende Konsortium habe zwar eine Nachbesserung um bis zu 60 Millionen Euro angeboten, sei damit aber inklusive kalorischem Kraftwerksbau ("Combined Cycle") unter jenem Preis gelegen, den Andritz allein für den Wasserkraftwerksbau zu zahlen bereit sei. Daher habe man mit Cross gar nicht mehr verhandelt, verlautet aus Siemens-Kreisen. Andritz vergrößert seinen Umsatz mit VA Tech Hydro um fast ein Drittel (siehe Grafik).

Siemens habe sich für Andritz entschieden, weil die Steirer ein attraktives Gesamtpaket abgegeben hätten und dem - derzeit fast ausschließlich auf die Fertigung von Turbogeneratoren für den Siemens-Konkurrenten General Electric (GE) abgestellten Standort Weiz - eine Zukunft böten, begründete Ederer die von der Weizer Hydro-Belegschaft mit Skepsis und Ablehnung verfolgte Entscheidung.

Offen ist nun, wie es mit der Lohnfertigung für GE weiter geht. Der US-Weltmarktführer bei Gasturbinen (50 Prozent Weltmarktanteil) hatte mit VA Tech eine langjährige Kooperation: VA-Tech baute in ihre Gas-Kombi-Kraftwerke Gas- und Dampfturbinen von GE ein und fertigte im Gegenzug Turbogeneratoren für GE. Im Endspurt des Hydro-Verkaufs hatte sich GE exklusiv an das Cross-Konsortium gebunden. Da Siemens die Sparte Combined Cycle behält, werden künftig Siemens-Turbinen eingebaut.

"Keine Auslastungprobleme" in Weiz

Andritz-Chef Leitner will sich bei GE um Fertigungsaufträge für Weiz bemühen, betonte aber, auch ohne GE keine Auslastungsprobleme zu haben. Im Gegenteil, er werde für Auslastung sorgen, indem Fremdvergaben im klassischen Stahlbau nach Weiz verlagert werden könnten.

Die Andritz-Aktie legte an der Wiener Börse um mehr als neun Prozent auf 107,80 Euro zu, die Siemens-Papiere hingegen reagierten kaum auf den Verkauf. "Wir glauben, dass das Wasserkraftgeschäft wegen des hohen Ölpreises sehr vielversprechend ist", sagte Analyst Gerhard Walek von der Erste Bank. Eine Kapitalerhöhung braucht Andritz für den Zukauf laut Leitner nicht, auch die Bankverbindlichkeiten würden nicht steigen. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.2.2006)

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    Siemens-Chefin Brigitte Ederer und Andritz-Vorstandschef Wolfgang Leitner gaben am Freitag Details des Deals bekannt.

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