B. Fleischmann: "The Humbucking Coil"

    19. März 2006, 18:18
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    Der Wiener mit der Groove-Box nahm diesmal auch Gitarren, Drums und Klavier dazu - Ergebnis: Meisterwerk

    The Humbucking Coil - Die Brummkompensationsspule. So ein Plattenname muss einem erst einmal einfallen. Das Ding dient zur Unterdrückung von Einstrahlungen durch elektromagnetische Störquellen, in Mikrofonen und Gitarren-Tonabnehmern beispielsweise. Und Gitarren zieht der Berufsmelancholiker B.Fleischmann diesmal ja auch aus dem Kasten.

    Einstiegshilfe

    Wie schon auf seiner letzten Soloplatte "Welcome Tourist" holt Fleischmann analoges Instrumentarium (dieses Mal neu: die Gitarre) dazu, um seinem sanften, nachdenklichen E-Vitamin noch ein paar melodische und rhythmische Effekte zu verleihen: Einstiegshilfe für Elektronika-DilettantInnen.

    Der Wiener hat das deutsche Elektronika-Label Morr stark geprägt: Seine erste LP "Pop Loops For Breakfast" war Katalognummer Eins bei Morr, weitere Veröffentlichungen folgten, darunter mehrere gemeinsame Projekte mit anderen Morr-onInnen. Das französische Kulturmagazin "Benzine" bezeichnete ihn kürzlich gar als "Fabrikmarke" des Morr-Labels.

    An "The Humbucking Coil" dürfte Fleischmann lange getüftelt haben. So vielfältig und so fein in sich abgestimmt klingen nur wenige Platten dieser Zeit. Man nehme die "Broken Mountains": Das zischt durch den Schädel, linkes Ohr, rechtes Ohr, verwirrt die Gleichgewichtsorgane und nimmt den Atem. Erste Nummer vorbei, da taucht die Frage auf: Lieber Fleischmann, wie geht das zusammen, so langsame Tempi und so hohe Herzschlagfrequenzen?

    Vier Jahreszeiten

    Das anfängliche elektronische Zittern in "Composure" wird allmählich von deutlichen Beats eingeholt, später meldet sich die erste Gitarre an, dann die zweite, um schließlich alle vier in höchster Gelassenheit spazieren zu gehen. Vier Zeiten hat das Jahr, für jede bietet das Stück was Schönes zum Raushören.

    In "First Times" hat die Brummkompensation ihre schön platzierten Aussetzer, und der Songtitel scheint den Gitarrenspuren zu gelten, die klingen, als würde sich Fleischmann gerade seine ersten Fingerübungen auf dem Instrument vornehmen, und die Komposition sei nur geschaffen, um die Szene zu illustrieren.

    Langer Vorlauf

    Die geniale Komposition "Phones and Machines" ist, wie die meisten Tracks der Platte, ein Ausbruch mit langem Vorlauf. Verzerrtes, gedämpftes Stanzen (Schlagen? Bohren? Schlagbohren?) und Hämmern eröffnen das Stück, um wieder schrittweise hinter der Harmonie der Gitarre und des Pianos zu verschwinden, am Ende wird daraus ein abendromantischer Fabriksspaziergang.

    Auf "Gain" und "From To" mischt sich Charizma-Labelchef Christof Kurzmann stimmlich, auf "Static Crate" per Klarinette ein. Im zweiten Fall fügt sich das Instrument wunderbar in die fleischmännliche Atmosphäre ein. Im ersteren droht Kurzmanns Timbre das romantische Gemisch jedoch ins Kitschige zu kippen.

    Quietschende Türen

    Zum Schluss serviert Fleischmann einen Walzer. Benannt nach dem hellsten der Sterne, Aldebaran, ist dieses Stück Beckenschlag-Mm-Ta-Ta mit Vibraphon und sanftem Türenquietschen alles andere als Neonlicht zum Aufwachen. Eine Alternative für alle, die bisher vergeblich versucht haben, zu Donauland-Panflöten-Samplern zu meditieren.

    Am letzter Stelle noch Bitte und Danke. Bitte Fleischmann nie im Auto hören! Und Danke auch für das wunderschöne Cover. (mas)

    • B. Fleischmann: "The Humbucking Coil" (Morr 2006)
      foto: b.fleischmann

      B. Fleischmann: "The Humbucking Coil" (Morr 2006)

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