"Singin' in the Rain"

16. Februar 2006, 17:24
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Stanley Donens Musical ist überreich an Gags, sein Herzstück bleibt freilich das gesungene Glück im Regen

Die ganz große Zeit des Hollywoodkinos war 1952 eigentlich schon vorbei, aber umso unbändiger war die Lust, noch mal alles aus sich herauszuholen und sich seiner eigenen Geschichte zu versichern. Regisseur Stanley Donen hat später mal gesagt, sie hätten damals gar nicht gewusst, welches Juwel sie da in Arbeit hatten. Die Songs stammten alle aus Musicalfilmen der Dreißigerjahre, und so dachten Donen und sein Star und Koregisseur Gene Kelly, sie machten eben auch nur ein weiteres Musical. Tatsächlich brachten sie aber in diese Geschichte um die Erfindung des Tonfilms einen Schwung und Witz hinein, der heute noch jede Sekunde so ansteckend ist wie damals.

Jahrzehntelang hieß der Film bei uns "Du sollst mein Glücksstern sein", Gene Kelly hat darin gesungen "Ich bin heut ganz verdreht" und mit Donald O'Connor den Zungenbrecher geübt "Molly und Polly, die rollen mit dem Roller". Das war durchaus liebevoll gemacht und hat natürlich trotz Synchronisation funktioniert. Aber wenn das Aufkommen der DVD für etwas gut ist, dann für das Glück, all das nun im Original hören zu können. Der Zungenbrecher heißt jetzt "Moses supposes, his toeses are roses ...", und man müsste eigentlich fortfahren im Text, denn dann würden sofort Gene Kelly und Donald O'Connor vor dem geistigen Auge auftauchen und ihren verdutzten Sprachlehrer einwickeln mit dem blühenden Unsinn dieser Zeilen, in denen sich Sprache vollständig in Bewegung, und Grammatik in Choreografie verwandelt. Das Augenmerk ist dabei reflexartig immer auf Gene Kelly, weil er strahlen konnte wie kein anderer, aber eigentlich stiehlt ihm O'Connor in jeder Szene die Schau. Zur Belohnung darf Donald O'Connor einmal seiner Begabung freien Lauf lassen; die Nummer heißt "Make 'em Laugh", und gelacht wird nur deshalb nicht, weil einem fortwährend der Mund offen steht, wenn der Gummimann durch die Kulissen stolpert, die Wände hochgeht und völlig durchdreht.

Der Film ist so reich an Gags wie kein anderes Musical, aber natürlich ist sein Herzstück das Singen im Regen. Im Original darf Gene Kelly dieses unbändige Glück auch wörtlich besingen. Und Gene Kelly tut es auf eine Weise, dass es nicht wenige gibt, die dies für die beglückendste Szene der Filmgeschichte halten.

Alles, was das Kino kann, ist darin im Grunde enthalten: Uns mit einem Regenschirm und einem Lied auf den Lippen unter der Sprinkleranlage einer Studiostraße in Hollywood weiszumachen, dass es nichts Schöneres gibt, als im Regen zu singen. Und wem nicht das Herz aufgeht, wenn die Kamera irgendwann langsam in die Höhe fährt, während Gene Kelly mit seinem Schirm durch die Pfützen wirbelt, dem ist wirklich nicht zu helfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2006)

Von George Oestel
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