James Ellroy: "L.A. Confidential"

16. Februar 2006, 17:25
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Erbarmungslosesten Direktheit im Paralleluniversum des Los Angeles Police Department

Die Gesellschaft – so kennt man es aus der klassischen Anordnung des Kriminalromans – ist der gesunde Organismus, in den das Virus des Verbrechens eindringt. Die Gesellschaft muss alle ihre Abwehrkräfte mobilisieren, um das Virus zu bekämpfen. Am Ende ist das Verbrechen seiner Strafe zugeführt und der gesellschaftliche Organismus wieder gesund.

Wenn man James Ellroys Krimi "L.A. Confidential" mit einem Satz beschreiben wollte, würde der lauten: Das, was die gesunde oder normale Gesellschaft sein könnte, kommt in diesem Buch nicht vor. Stattdessen konfrontiert uns James Ellroy in der erbarmungslosesten Direktheit mit einem Paralleluniversum. Dessen Beschwörungsformel besteht aus vier Buchstaben: LAPD. Los Angeles Police Department. Den Satz "Wozu Feinde, wenn man solche Freunde hat" müsste man für Ellroys Welt abwandeln in "Wozu Verbrecher, wenn man solche Cops hat".

Das heißt nicht, dass in "L.A. Confidential" keine Verbrecher vorkämen. Es gibt sie durchaus. Aber sie sind auf so osmotische Weise mit dem LAPD verwoben und verschworen, dass sie ein Teil von ihm geworden sind. Verbrechen und Verbrechensaufklärung sind bei Ellroy quasi ein geschlossenes, selbstreferenzielles System, das sich in einer heiklen Balance hält und sich gegenseitig reproduziert. So wird ein Status quo aufrechterhalten, der die Dinge auf einem relativ hohen Blutpegel am Laufen hält, der aber den Vorteil hat, kontrollierbar und überschaubar zu sein. Und dieses Paralleluniversum ist mit der ehrenwerten Gesellschaft, mit dem System der Politik, des Showbusiness und der Justiz von Los Angeles mehr oder weniger identisch. Es ist die Hobbes- Welt, in der der‑ Leviathan selbst zum Wolf geworden ist.

Den Plot von "L.A. Confidential" (1990 geschrieben, 1997 von Curtis Hanson verfilmt, das Buch spielt in den 50er-Jahren) auch nur in Umrissen skizzieren zu wollen ist eine Sache der Unmöglichkeit. Ohnehin passiert in diesem Krimi auf einer Seite so viel, wie kontemplativeren Gemütern für ein ganzes Buch ausreichen würde. Entsprechend ist der Ellroy-Sound eines stilisierten Hyperrealismus: Er führt in seine Szenen nie ein, sondern ist immer schon mittendrin. Für umständliche atmosphärische Beschreibungen bleibt keine Zeit, darüber würde man nur das nächste Kapitalverbrechen verpassen. Überhaupt ist die so ganz in den Dienst der Action genommene Sprache ein besonderes Ellroy-Vergnügen: In diesem Paralleluniversum spricht man in einer Weise, die weit über das hinausgeht, was die amerikanischen Filmprüfungsstellen "explicit language" nennen: Dieser Jargon ist nicht nur brutal, abgebrüht und obszön, sondern streckenweise einfach unverständlich. Das hat nicht nur seine eigene Poesie, sondern signalisiert auch: Jede Vorstellung der Übersetzbarkeit in eine gesellschaftliche Normalität ist aussichtslos.

Wer sich im LAPD durchsetzen will, braucht Brutalität, Menschenkenntnis, kalten Realismus und strategische Verschlagenheit. Wer über diese Eigenschaften verfügt, dürfte bestreiten, dass es sich bei dem LAPD um ein Paralleluniversum handelt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2006)

Von Ijoma Mangold
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