Exporte und Konsum stützen Wachstum in Reformländern

2. März 2006, 16:37
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EU-Transfers kurbeln Investitionen an - Positive Konjunktur­entwicklung soll zumindest noch zwei Jahre anhalten

Wien - Getragen vom Export in den neuen EU-Mitgliedsländern und vom Konsum in den künftigen EU-Mitgliedern sind die Länder in Mittel-, Ost- und Südosteuropa weiterhin von einem starken Konjunkturwachstum geprägt. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) geht davon aus, dass die positive Konjunkturentwicklung zumindest auch in den nächsten beiden Jahren anhält.

Neben den baltischen Staaten, die ein BIP-Wachstum zwischen 9,1 (Lettland) und 7,0 Prozent (Lettland) aufwiesen, hatte die Slowakei mit plus 5,6 Prozent das stärkste Wachstum. Schlusslicht unter den östlichen Reformländern war Polen mit 3,2 Prozent BIP-Wachstum.

Direktinvestitionen auf Rekordniveau

Der Zufluss an Direktinvestitionen hat in den neuen EU-Staaten ein neues Rekordniveau erreicht. Ab 2007 sollen beträchtliche Transfers aus dem EU-Budget die Investitionen zusätzlich ankurbeln, so das WIIW am Donnerstag in einer Pressekonferenz.

Auch die Wachstumsaussichten dieser Länder seien verhältnismäßig gut - trotz mäßiger Konjunktur in der Eurozone und nach wie vor hoher Energiepreise, hieß es.

Der positive Netto-Beitrag der Exporte zum BIP-Wachstum werde sich in den Jahren 2006 bis 2007 fortsetzen. Darüber hinaus werden auch der private Verbrauch und Investitionen an Bedeutung gewinnen.

Slowakei ist Wachstumssieger in Mittelosteuropa

Wachstumssieger der WIIW-Prognosen für 2006 bzw. 2007 ist in Mittelosteuropa die Slowakei mit einem erwarteten Konjunkturplus von 6 bzw. 6,5 Prozent, gefolgt von Tschechien mit 4,5 und 4,7 Prozent. Das Baltikum wächst weiter stark mit den höchsten Raten von 7,7 für 2006 in Lettland bzw. mit 7,4 Prozent in Estland.

Außer in Ungarn sei die Zunahme der Beschäftigung - auch in der Industrie - in allen neuen EU-Ländern bemerkenswert gewesen. Die Inflation sei wieder gesunken und stelle keine ernsthafte Gefahr dar. Ungarn und die Slowakei stünden allerdings vor der dringenden Aufgabe, ihre staatlichen Finanzen sanieren zu müssen, so die WIIW-Experten.

Südosteuropa holt auf

Auch in Südosteuropa war das BIP-Wachstum 2005 insgesamt erneut stark, wenngleich es in Rumänien (4 nach 8,3 Prozent 2004) und Serbien (6,5 nach 9,3 Prozent 2004) etwas langsamer war als im Vorjahr. Getragen wurde das Konjunkturplus hauptsächlich vom Konsum, was vor allem auf die bessere Verfügbarkeit von Krediten, aber auch auf die verbesserten kurz- und mittelfristigen Wachstumserwartungen zurückzuführen sei.

Auch in den Ländern Südosteuropas sollte sich das Wachstum laut WIIW in den kommenden zwei Jahren fortsetzen - wenn auch unter großen Schwankungen und trotz möglicher kurzfristiger Maßnahmen, die eine Erholung beeinträchtigen könnten. Für die Türkei, Albanien und Bosnien geht das WIIW von Wachstumsraten in Höhe von 6 Prozent aus. Kroatien liegt mit 3,7 bzw. 3,8 Prozent erwartetem BIP-Plus am unteren Ende der Skala. Es wird erwartet, dass der Zufluss an Direktinvestitionen auch die Industrieproduktion beleben werde.

Die Beschäftigung gehe aber noch immer zurück, die Arbeitslosigkeit habe sich jedoch stabilisiert. In der gesamten Region haben die Exporte von Waren und Dienstleistungen stark expandiert; in Rumänien, Bulgarien und Albanien lag jedoch das Importwachstum über jenem der Exporte. Der Staatshaushalt weise in den Ländern der Region durchwegs nur ein geringes Defizit auf.

Inflation Serbiens bei 16,2 Prozent

Die Preisstabilität blieb erhalten, allerdings mit Ausnahme Serbiens, wo sich die Inflation 2005 auf 16,2 Prozent beschleunigte, und Rumäniens, wo sich der Preisanstieg fortsetzt. Es bestehe allerdings die Befürchtung, dass eine weitere Kreditexpansion die außenwirtschaftliche Position mancher Länder, wie auch die Preisstabilität gefährden könnte. Insgesamt steht die Region vor großen Herausforderungen, die eher zur Volatilität als zu stabilen Wachstumsperspektiven beitragen, so die WIIW-Experten.

Reformtempo in Russland hinter Wachstum

Die russische Wirtschaft expandierte im Vorjahr gestützt von der Binnennachfrage um mehr als 6 Prozent. Der Netto-Beitrag des Außenhandels zum BIP-Wachstum war wiederum negativ, sagten die WIIW-Experten am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Verlangsamt habe sich auch das Reformtempo, und die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft häufen sich.

Das BIP werde in den nächsten beiden Jahren um rund 6 Prozent zunehmen, die Inflation allerdings nur langsam von 12,5 Prozent 2005 zurückgehen. Ein selbsttragendes und mehr Sektoren umfassendes langfristiges Wachstum würde mehr Investitionen und eine verstärkte Umstrukturierung erfordern, so das WIIW.

Ukraine in Geiselhaft der Politik

In der Ukraine ist es als Folge der Investitionsschwäche und einer Verschlechterung im Außenhandel zu einer "spektakulären" Wachstumsverlangsamung von 12,1 Prozent 2004 auf 2,4 Prozent 2005 gekommen. Das Land sei vor den kommenden Parlamentswahlen im März 2006 in Geiselhaft der Politik, so das WIIW, das von einem BIP-Wachstum von 5 bzw. 6 Prozent für 2006 und 2007 ausgeht.

In China betrug das BIP-Wachstum, getragen sowohl von Binnen- als auch Außennachfrage, im Vorjahr erneut 9,9 Prozent. Für die Jahre 2006 bis 2007 wird eine geringfügige Verlangsamung auf 9,7 bzw. 9,5 Prozent erwartet, da die Regierung beabsichtige, die Investitionen zu bremsen, und auch deshalb, weil manche Exporte in den Westen Einfuhrbeschränkungen unterliegen werden, hieß es. (APA)

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    In den neuen EU-Ländern hat sich trotz Konjunkturdelle in der "alten" EU im Vorjahr das Wirtschaftswachstum verfestigt.

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