Die Ente am See

18. Februar 2006, 18:40
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Am schönsten Platz des Neusiedler Sees verstärkt ein Koch aus bestem Haus die "Mole"-Mannschaft

Der Platz am Nordufer ist in Sachen Sonnenuntergang sowieso unschlagbar, die Architektur des Restaurants atmet den Geist der weiten Welt, die Weinkarte spürt dem Terroir des Landes am See ziemlich enzyklopädisch nach - nur über die Küche der "Mole West" wurden immer wieder böse Worte verloren. Tatsächlich konnte man seinen kulinarischen Horizont hier auf ziemlich unangenehme Weise erweitern, als das Restaurant mit der wunderbaren Terrasse im Frühling 2004 erstmals aufsperrte. Das lag am gewaltigen Ansturm der Gäste, an der hoffnungslosen Unterbesetzung im Service und an der Küchenlinie, die zwischen der Notwendigkeit, viele hundert Ausflügler zu versorgen und dem Anspruch der Eigner, eine spannende, weltläufige und nicht eben aufwandsarme Küche zu bieten, gefährlich ins Schlingern geraten konnte.

Spätestens im zweiten Sommer aber hatte sich alles so eingerenkt, dass dem dauerhaft erfreulichen Gesamterlebnis nichts mehr im Wege stand, was sich nicht zuletzt an der stets übervollen Hütte zeigte. Selbst jetzt im Winter (Eislaufen und -segeln!) wälzen sich regelmäßig die Kolonnen von der Autobahnabfahrt quer durch Neusiedl bis zum Mole-Parkplatz.

Dennoch musste Eigentümer Bernd Karolyi nicht lange überlegen, als er vor zwei Monaten Wind bekam, dass Oliver Wiegand, der in Alain Weissgerbers formidabler "Blauer Gans" (ein Michelin-Stern) im benachbarten Weiden am See erst den Sous- und dann den Küchenchef gegeben hatte, sich verändern wollte. Dass Wiegand prompt zusagte, freut Karolyi sehr, noch mehr aber, dass der neue Küchenstern sich bestens mit Wolfgang Ensbacher versteht, der den Herd der Mole bislang alleinverantwortlich über hatte.

Frische Brise aus der Küche

Auf der Karte zeigt die frische Brise aus der Küche schon Wirkung: So findet sich da eine "Nantaiser Wildente", die, ähnlich dem legendären Vorbild in der "Tour d'Argent" in Paris, auf zwei Arten serviert wird - wenn auch in einem Gang: das vergleichsweise zierliche Haxl mit Gewürzen löffelweich geschmort, die unfassbar zarte Brust mit prächtiger Fettauflage aber ganz schön dunkelrosa, damit nur ja nichts vom Geschmack verloren geht.

Auch die wildaromatische Rotbarbe, für viele das beste Tier des Mittelmeers ("der einzige Fisch, von dem die Katze nicht einmal den Kopf bekommt", aber das gilt nur für echte Adriatiker), wird auf zweierlei Arten gegart: einerseits knusprig gebraten, anderseits hauchdünn in Schwarzwurzelscheiben gewickelt und gedämpft. Dazu gibt's sehr gute geschmorte Schwarzwurzeln, vor allem aber freut man sich an der Frische der Barben.

So wundert es nicht, dass das Restaurant auch an einem Abend mitten in den Skiferien, an einem faden Dienstag bei Schneechaos, fast ausgebucht ist. Draußen tanzen die Flocken, zwischen den verwaisten Bootsplätzen hat Bernd Karolyi ein schwer romantisches Lagerfeuer entfacht, drinnen verbreitet die großteils ungarische Servicebrigade mitteleuropäischen Charme an Tischen, an denen ziemlich schicke Franzosen und Engländer sitzen: So soll es sein.
(Severin Corti/Der Standard/rondo/17/02/2006)

Fotos:
Gerhard Wasserbauer

Mole West
Strandbad-Westmole
7100 Neusiedl am See
Tel.: 02167 / 202 05
www.mole-west.at
Winter-Öffnungszeiten:
Fr-Di 9-24 Uhr
volle Speisekarte 12-14
und 18-22 Uhr
VS € 3,90-12,50
HS € 8,60-19,50
  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer
  • Oliver Wiegand (links mit Küchenchef W. Ensbacher) kam von der "Blauen Gans", um der Küche von der "Mole West" zu einem schärferen Profil zu verhelfen.
    foto: gerhard wasserbauer

    Oliver Wiegand (links mit Küchenchef W. Ensbacher) kam von der "Blauen Gans", um der Küche von der "Mole West" zu einem schärferen Profil zu verhelfen.

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