Einmal abseilen, bitte

20. Februar 2006, 18:04
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Eine Reise in die Regenwälder der kleinen Inselgruppe Langkawi vor der nordwestmalaysischen Küste

In Kuah, der kleinen Hauptstadt von Langkawi, gibt es eine Straßenkreuzung, an der eine wunderliche Digitalanzeige möglichen ungeduldigen Autofahrern, die es auf der Insel ebenso wenig gibt wie nennenswertes Verkehrsaufkommen, die Sekunden bis zum Umspringen der Ampel auf Grün hinunterzählt. Unweit dieser Kreuzung eröffnete vor einigen Monaten Langkawis erstes Parkhaus. In diesem soll es sich anfangs gelegentlich ein wenig gestaut haben, weil die Leute des Spaßes halber hinfuhren, um ihr Auto aus Gründen der Abwechslung einmal nicht zu ebener Erde zu parken.

Kleine, ruhige Insel

Neue Vergnügungsquellen tun sich nur selten auf. Langkawi ist eine ruhige, kleine Tropeninsel. Der verkehrstechnische Normalfall sieht vor, dass nachts auf dunklen Straßen schlafende Wildhunde herumliegen, die, vom Lichtkegel eines Autoscheinwerfers aufgeweckt, gemächlich gähnend, in den Regenwald oder ins Reisfeld am Straßenrand trotten, von dem aus auch der eine oder andere schlammverkrustete Wasserbüffel schlaftrunken ins Licht blinzelt.

Am weißen Sandstrand von Pantai Cenang – dem von vielen Kokospalmen und einigen kleinen Hüttenanlagen, Resorts und Strandcafés gesäumten Zentrum des Inseltourismus, liegt auch in der Hauptsaison der nächste Mensch gut und gern 20 Meter weiter. Sanft fächelt der Wind, leise rollen flache Wellen ans Ufer und wirbeln kleine Seesterne und Muscheln in ihrer Gischt herum. Das Meer ist bis weit hinaus seicht und gerade so warm, dass es noch erfrischt. Keiner macht einen schnellen Schritt; die einzig Schwunghaften sind drei, vier Jet-Ski-Fahrer, die weiter draußen ihre wasserspritzenden Kranzerln ziehen. Auch ihnen entkommt man leicht, wenn man sich von einem kleinen überdachten Tuckerboot zum Strand einer winzigen Insel in der Nähe bringen lässt. Es braust durchs Meer, während ein paar silbrig glänzende Sardellen aus dem Wasser springen und etwas weiter weg zwei Delphine für einen Augenblick im Parallelschwung ihre gebogenen Glitzerrücken sehen lassen.

Dutzende Buchten und Strände

99 Inseln umfasst der Archipel Langkawi, nur vier davon sind bewohnt – allen voran die größte: Pulau Langkawi. Von oben betrachtet sieht die 30 Kilometer vom nordwestmalaysischen Festland entfernt liegende Inselgruppe aus, als hätte ein Riese wahllos eine Vielzahl von buschig grün bewaldeten Brocken ins Meer geworfen und sie zu seinem Pläsier mit dutzenden kleinen Buchten und zauberhaften weißen Stränden ausgestattet.

Pulau Dayang Bunting – Insel des schwangeren Mädchens -, Pulau Beras Basah – Insel der nassen Reiskörner – oder Pulau Singa Besar – Insel des großen Löwen: Solche und ähnlich poetische Namen tragen die Inseln. Ihre Geschichte ist von Legenden durchtränkt, von drei Kulturen – malaiisch, chinesisch, indisch – geprägt, ihre Häuser, Wälder und Strände von Geistern bevölkert.

Viele Geister-Geschichten

Kein Tag, an dem einem auf Langkawi nicht eine Geistergeschichte erzählt würde: Da lebt der Geist einer Frau aus dem 19. Jahrhundert in einem alten, hölzernen Kampong-Haus, dort schreit nachts ein Geist wie ein Baby, da lebt einer in einem Baum, dort hat einer einem Menschen mit Geisterhand über den Oberarm gestreichelt. Und fast glaubt man es manchmal selbst, wenn es abends ums Haus raschelt und krächzt, knackt und kreischt, fiepst und zirpt, während man wohlig unter einem Moskitonetz liegt. "Gecko! Gecko!" rufen die großen rot-blauen Tokeh-Geckos, durchs Blattwerk wuseln Eichhörnchen, manchmal fällt ein kleiner Frosch mit einem leisen Platschen vom Baum auf den Boden, und wenn man wirklich nah am Regenwald wohnt, kann es sein, dass morgens ein prachtvoller schwarz-gelber Nashornvogel mit seinem Riesenschnabel gegen die Terrassentür klopft – zur aufgeregten Begrüßung seines eigenen gläsernen Spiegelbilds.

In der Früh kommen auch die Schmetterlinge, regenbogenbunt schillernd, vielgestaltig und manche so groß und schwer, dass sie wie Biene Majas fauler Freund Willi nach jedem Flügelschlag in der Luft leicht absacken. Ohrenbetäubendes Zikadengezirpe und ein Durcheinander von Vogelstimmen erfüllen die feuchtschwüle Luft.

Viel Natur statt Kultur

"Die Natur ist der größte Trumpf, den wir in der Hand haben", sagt Irshad Mobarak, Langkawis bekanntester, kenntnisreichster und leidenschaftlichster Naturführer und Naturschutzaktivist. "Kunst und Kultur? Nachtleben? Damit kann Langkawi nicht punkten. Auch nicht damit, dass es zur Dutyfreezone erklärt wurde. Aber wir haben die Natur, und für den Ökotourismus ist es wichtig, dass wir die verbliebenen unberührten Regenwald-, Mangroven- und Küstengebiete schützen und diesen Schutz gesetzlich durchsetzen."

Irshad führt durch den Regenwald der Datai-Bucht im Nordosten der Insel – vorbei an den Brettwurzeln von über 50 Meter hohen Baumriesen, zwischen Lianen, durch lichtes, sonnengesprenkeltes Gebüsch und schattiertes Blattwerk. In der Regenzeit von Juli bis Oktober wird das Grün hier noch üppiger, und man muss sich vor Blutegeln in Acht nehmen.

Während wir versteckt im Unterholz sitzen und mit Ferngläsern ein Nashornvogelnestloch hoch an einem Baumstamm über uns im Auge behalten, erzählt Irshad, dass Langkawi nicht ozeanischen, sondern kontinentalen Ursprungs sei und sich erst vor rund 18.000 Jahren vom Festland getrennt habe. Geologisch stamme es – auch das äußerst rar für eine Insel – aus drei verschiedenen Erdzeitaltern.

Im Nordwesten liegen die mit 550 Millionen Jahren ältesten Gesteinsformationen von ganz Malaysien – sie sind aus Sandstein. Die Mangrovenwälder der Ostküste wachsen auf erdgeschichtlich sehr viel jüngerem Kalkstein und die Regenwälder an den Flanken des rund 800 Meter hohen Gipfels des Gunung Raja im Inselzentrum auf Granit.

Üppige Flora und vielfältige Fauna

Das Besondere an Langkawi ist, dass man hier auf sehr engem Raum einen geologisch sehr unterschiedlichen Untergrund findet, der wiederum eine sehr vielfältige, reiche Fauna und Flora hervorbringt. Allein 341 verschiedene Schmetterlingsarten leben auf der 25 mal 35 Kilometer großen Insel. Im Vergleich dazu hat etwa Großbritannien nur 66 Arten. Auch gibt es eine ganze Reihe von Pflanzen- und Tierspezies und -subspezies, die nur auf Langkawi vorkommen.

Einer, der mit Irshad eng zusammenarbeitet, ist Peter Höfinger. Der Niederösterreicher lebt seit acht Jahren auf Langkawi und ist ein Experte für die Mangrovenwälder der Ostküste. "Mangroven produzieren mehr Sauerstoff als jeder andere Wald, sie sind ideale Wellenbrecher, all ihre Pflanzen sind Überlebenskünstler und 80 Prozent aller Meerestiere, die wir hier essen, haben in ihnen ihre Brutplätze", erklärt er.

Mit einem flachen Boot fährt Höfinger Interessierte durch die Kanäle des Mangrovenwalds. Am Himmel kreisen Weißbauchseeadler und braungefiederte Brahminenweihen, im Wasser schlängelt sich ein gut einen Meter großer Malaienvaran. Peter Höfinger erzählt davon, wie die Mangrovenpflanzen das Salzwasser, in dem sie wachsen, durch Umkehrosmose in für sie lebensnotwendiges Süßwasser umwandeln und weist auf die Knie-, Schnorchel- und Luftwurzeln hin, die Mangroven so aussehen lassen, als wüchsen sie auf Stelzen. Er zeigt auf einen sich an eine Felswand klammernden fiedrigen dunkelgrünen Palmfarn, Cycad clivicola clivicola, den es nur auf Langkawi gibt und der in 200 Jahren kaum einen Meter wächst, und führt in eine Kalksteinhöhle voll bizarrer Stalaktiten und Stalagmiten, an deren Decke sich tausende schlafende Fledermäuse klammern.

"Canopy Air Trekking"

Eine ganz andere, nämlich action- und abenteuerbetontere Art von Naturexkursion ist das "Canopy Air Trekking", das es außer auf Langkawi nur noch in den Regenwäldern Mittelamerikas gibt, in denen es erfunden wurde. Im Dschungel am Fuß des Gunung Raja hat der Deutsche Jürgen Zimmerer über und durch das Blätterdach des Dschungels einen gut gesicherten Seilparcours von Gleit- und Abseilpassagen legen lassen. Schwitzend unter einem Schutzhelm, eingeschnallt in einen Hüftgurt und ausgestattet mit Karabinern, Abseilachtern und Seilen, steht man dort dann auf einem offenen Hang im Regenwald und blickt auf ein langes Doppelseil, das über einen tiefen, dicht bewaldeten Graben führt, um schließlich in 120 Metern Entfernung in der Baumkrone eines riesigen Würgefeigenbaums zu verschwinden.

Ashraff, der Trekkingführer, ruft "Lauf! Lauf!", man macht noch zwei, drei Schritte am Boden, hebt ab und gleitet an einer Seilrolle über das Blätterdach des Regenwaldes hinweg. Kaum fünfzehn Sekunden später sitzt man – drüben angekommen – in einer Astgabel auf 33 Metern Höhe. Wenn man sich schließlich von dort zum Boden abseilt, dabei irgendwo zwischen Himmel und Erde in der Luft baumelt und sich umschaut, fühlt es sich an, als wäre man in den Regenwald eingehüllt, in sein Blattwerk und seine Geräusche – und als hätte man die ruhige, kleine Insel Langkawi für einen Augenblick ganz für sich allein. Service siehe nächste Seite!

Anreise: Mit Malaysia Airlines von Wien nach Kuala Lumpur, von dort fliegen MA und Air Asia täglich nach Langkawi. Außerdem fliegt Silk Air Langkawi viermal pro Woche von Singapur aus an.
Info: www.best-of-langkawi.com
Unterkunft:
Mittlere Preisklasse: Beach Garden Resort, Pantai Cenang; Email
Obere Preisklasse: Bon Ton Restaurant & Resort, Pantai Cenang; www.bontonresort.com.my, Email
Luxus: The Datai, Jalan Teluk Datai; www.thedatai.com; Email
Tourguides: Irshad Mobarak: Email.

(Der Standard/rondo/17/02/2006)

Von Julia Kospach
  • Bei einer Bootsfahrt bei der "Insel des schwangeren Mädchens" oder auf einer geführten Tourdurch den Regenwald erschließt sich der Tier- und Pflanzenreichtum der Inselgruppe am besten.
    foto: www.best-of-langkawi.com

    Bei einer Bootsfahrt bei der "Insel des schwangeren Mädchens" oder auf einer geführten Tourdurch den Regenwald erschließt sich der Tier- und Pflanzenreichtum der Inselgruppe am besten.

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