Der Löwe brüllt heut' Nacht

25. März 2006, 13:40
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Auf die Pirsch nach dem Flair von "Jenseits von Afrika" machte sich Michael Hausenblas in der Finch Hattons Lodge in Kenia

Ich habe keine Farm in Afrika - aber ein Zelt am Fuße der Chyulu-Hügel. Es ist aus hellem festem Stoff und steht auf einem soliden Pfahlbau am Ufer einer Quelle in Tsavo-West.

Nachts kann man nahe am Zelt Nilpferde beim Grasen hören, und eine Unzahl anderer Geräusche versichert dem Besucher, dass er weit weg von zu Hause ist. Einzig der Mond, durch dessen leuchtende Scheibe eine Sippe Glühwürmchen segelt, zeigt sich als Vertrauter.

Das Zelt mit der Nummer 13 ist eine von insgesamt 30 luxuriösen Schlaf- und Traumstätten der Finch Hattons Lodge. Vor dem Eingang des Zeltes findet sich eine kleine Veranda mit einer hölzernen Liege, einem Logenplatz vor der großen Bühne Afrikas. Das Innere des Zelts verwandelt die Unterkunft in eine fast noble Bleibe: Afghanische Teppiche, ein Schreibtisch, arabische Truhen, Messinglampen, cremefarbene Waschbecken, eine gemauerte Dusche.

Ohne Handyempfang

Der globalisierte Städter, hier völlig ohne Handyempfang, ist von der kolonialen Glanzware unterm Zeltdach beeindruckt, doch schon beim ersten Frischmachen wird ihm klar, dass der Löwe so ein Zeltlein im Nu zerbeißt, wenn er nur will. Nägel mit Köpfen macht einstweilen nur ein frecher Pavian, der als Willkommensgeste kleine Mulden in das Zeltdach tanzt.

Dem Abenteurer Denys Finch Hatton, dem schwierigen Herzbuben der Dichterin Karen Blixen, hätt's wohl gefallen, denn so gut wie alles an diesem Ort wurde eingedenk seiner Lebensart gestaltet. "Tell them I'll be in Tsavo", heißt es auf einer Tafel in der Ankunftshütte der 1992 eröffneten Lodge. Angeblich war es Hattons übliche Nachricht, die er in Nairobis Muthaiga Country Club hinterließ, bevor er zur Safari aufbrach.

Der Namenspatron des feudalen Zeltlagers war ein Lebemann, ein britischer Adeliger, Oxford-Absolvent, Buschpilot und Großwildjäger. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er auf Safaritourismus im großen Stil. Der Feinspitz hatte Mozart samt Grammofon, Kristallgläser sowie gekühlten Champagner dabei und bewunderte die Kultur der Massai und das alte Afrika. 1931 stürzte Denys Finch Hatton in den Hügeln von Tsavo mit seinem Flieger tödlich ab.

Jahrelange Ertraglosigkeit

Im selben Jahr gab Karen Blixen wegen jahrelanger Ertraglosigkeit ihre Kaffeeplantage auf und kehrte nach Dänemark zurück. 1954 wurde sie für den Nobelpreis nominiert. Ein anderer Afrika-Verehrer, Ernest Hemingway, bekam den Preis und meinte später, Karen Blixen hätte die Auszeichnung mehr verdient. Die Dichterin starb 1962. Kenia und ihre Farm in einem Vorort von Nairobi, der später nach ihr benannt wurde, hatte sie nie wiedergesehen. Im Film "Jenseits von Afrika" spielt Meryl Streep die Blixen, Hollywood-Feschak Robert Redford mimt ihren Wildnis-Dandy Denys Finch Hatton.

"Man kann schon etwas riskieren, wenn man der Einzige ist, der dafür bezahlt", meint Finch Hatton im Film. Für den blassen Touristen, dessen Abenteuer in der Regel in der Suche eines Parkplatzes besteht, hat die Finch Hattons Lodge diesbezüglich einiges in petto - vor allem wenn der Sundowner gekippt ist und sich die Sonne hinter dem himmelhohen Buckel des nahen Kilimandscharo aus dem Steppenstaub macht. Zu dieser Stunde ist es laut Hausordnung der Lodge gar nicht erwünscht, dass man allein auf den wild umwucherten Pfaden aus erst 200 Jahre altem Lavagestein wandelt. Finch Hatton hätte freilich drauf gepfiffen.

Die Lodge liegt inmitten der Dornensteppe. Keine Zäune, keine Gärten, keine menschlichen Spuren außer dem Weg und den Zelten grenzen hier die Wildnis aus - ein Begriff, der hier prächtig definiert wird und doch fast losgelöst vom menschlichen Denkapparat funktioniert.

"Bleib dicht hinter mir und renn auf keinen Fall weg, wenn ein Flusspferd oder Krokodil auftaucht", ermahnt der Lodge-Mitarbeiter, der den Gast Punkt acht von seinem Zelt unter lauten "Jambo"-Rufen zum Dinner abholt. Er trägt Pfeil und Bogen in der Rechten, die Taschenlampe in der Linken. Büchse knallt hier keine. "Nie", sagt er, und nicht zum ersten Mal erwähnt er, dass Hippos in Afrika mehr Menschen entzweizwacken, als jedes andere Tier. Man bleibt dem Bogenschützen also wacker auf den Fersen, fasst sich ein Herz und fragt, ob man ihm vielleicht für den Fall der Fälle die Taschenlampe halten solle. Nein, er könne schießen und gleichzeitig leuchten versichert der Beschützer mit einem "Hakuna matata", also "kein Problem". Nach wenigen Minuten, die aber dauern, ist das Restaurant der Lodge erreicht, und man taucht in ein weiteres Kapitel Finch-Hatton-Lifestyle ein. Die Hippos können warten.

In einem zentralen Steinbau wird diniert

Die Menüs sind fünfgängig, der Wein stammt aus Südafrika, die Kellner stecken in Dressen, wie sie auf der Farm Karen Blixens üblich waren und im Regal steht Originalgeschirr von Finch Hatton. Die Gespräche der Neuankömmlinge kreisen angesichts des fulminanten Mahls von Küchenchef Isaac sowie der ungewohnten Gangart zum Abendessen um die Geschichte von Fressen und Gefressenwerden.

Oberkellner Felix Mutinda mit seinem seidenen Turban folgt wie jeden Abend brav der Anweisung, Mozart zu spielen. Auch das hätte dem Hatton gefallen. "Wenn wir lauter aufdrehen", so Jonathan Mutisya, die rechte Hand des Bosses, "dann grunzen die Hippos manchmal zurück."

Der Gute-Nacht-Marsch zum Zelt Nummer 13 gestaltet sich ähnlich wie der Hinweg, mit dem Unterschied, dass die menschlichen Beutetiere nun mit allerlei Leckereien gefüllt sind. Aber die Pfeile des Nachtwächters sitzen locker und die Batterien der Taschenlampe scheinen fit zu sein. Fast so fit wie das wilde Wesen, dessen plötzliches Durchstarten die im Gänsemarsch tapsende Nahrungskette aus Touristen in ein panisches Chaosknäuel verwandelt: Nein, keine Nilpferd-Fisimatenten - eine mächtige Giraffe wiegt sich, nach dem vermeintlichen Überfall selbst erschaudert, im Grätschschritt hinfort. Wie ein Scheinwerfer leuchtet der Vollmond dem haushohen Lulatsch hinterher.

Zelt Nummer 13

Während der Puls mithilfe des Flachmanns seine Schlagzahl vermindert, bleibt auf der Liege vor dem Zelt Nummer 13 Zeit für den Versuch, aus den unzähligen Geräuschen der Nacht wenigstens eines herauszufiltern. Vier Kilometer weit kann man das donnernde Röhren des Löwen hören, steht in einem Buch über die Löwen von Tsavo. Zwei besonders hungrige Exemplare dieser Gattung fraßen angeblich im Jahre 1898 über 130 Eisenbahnarbeiter. Doch keine Zeile darüber, wie man herausfindet, wie weit entfernt das Brüllen tatsächlich ist, zum Beispiel von Zelt Nummer 13. Nix da mit "The lion sleeps tonight".

Schließlich wird alles von den Lauten aus der Quelle Ndituni übertönt, wie die Massai dieses Wasser nennen. Wie ein Schlafliedzauber aus Kindertagen lullen die Geräusche den Fremden ein und geben Nachhilfe im Erfahren einer Stille, von der Karen Blixen meinte, die zivilisierten Menschen hätten die Befähigung zu ihr verloren.

Früh am nächsten Morgen zeichnet die aufgehende Sonne feine Muster an die Zeltwand. Die Zweige der Akazien werden zu ihren Zeichenstiften. Der Kilimandscharo gibt sich zu dieser Stunde in Topform, und die Hippos sind längst wieder in ihrem Pool gelandet. Zufrieden prusten sie aus ihrem morgendlichen Dschungelbad.

"Nein, kein Löwe"

Auf dem Weg zum Morgenkaffee begleitet einen anstatt des Tsavo-Robin-Hoods der beißende Geruch von Katzenpisse. "Nein, kein Löwe", meint der Assistant-Manager Jonathan Mutisya und schüttelt den Kopf. Eine Leopardenfamilie habe das Gelände zu ihrem nächtlichen Revier auserkoren, erklärt Mutisya, während Safarifahrer Mohamed Gimo Dabasa Bulishi bereits in seinem blank polierten Minibus mit Hubdach wartet.

Auf den ersten Blick hat der beleibte Spross eines Stammes von der kenianischen Küste mit Finch Hatton nichts gemeinsam, doch nach einer guten Stunde Fahrt über die tennissandfarbene Buckelpiste erkennt man, wie sehr auch ihm die Liebe zu diesem Teil Afrikas ins breit grinsende Gesicht geschrieben ist. Gimo, wie man ihn bald nennen darf, stöbert eine Straußen-Sippe auf, er erspäht eine Reihe Mungos, als kenne er ihren Stundenplan, erzählt Geschichten vom Leberwurstbaum und kennt sich mit den heilenden Kräften der Fieber-Akazie aus. Gimo erklärt den "Wart-ein-Weilchen-Dornbusch" - dessen Name eine Art Rat bedeutet, sich nicht zu rasch zu bewegen, wenn sich einer seiner Dornen in der Kleidung festgepiekst hat - und fährt an mannshohen Termitenhügeln vorbei.

Löwen stehen in Tsavo nicht auf der Tagesordnung. Die prächtige Vegetation bietet ihnen gute Deckung. Gimo selbst sah die letzten Katzen drei Wochen zuvor, dafür gleich um die Ecke, dort wo jetzt ein blitzblank abgenagtes Zebraskelett wie ein Mikadohaufen im Staub liegt. Denys Finch Hatton und Karen Blixen studierten freilich den "königlichen Löwen, wie er vor Sonnenaufgang im Schein des verblassenden Mondes über die graue Steppe heimkehrte vom nächtlichen Beutezug - dunkel zog sich seine Spur durch das silbrige Gras, sein Maul war noch rot bis an die Ohren -, oder bei seiner Mittagsrast, wenn er behaglich im Kreise der Seinen auf dem kurzen Rasen im hellen, frühlingszarten Schatten der Schirmakazien in seinem Lustgarten Afrika ausruhte."

Palmengesäumter Märchenbach

Kaum steuert Gimo seinen Wagen über einen palmengesäumten Märchenbach, wo eine Art Paviandorf angesiedelt ist, taucht als Entschädigung für die ausfallende Audienz beim König eine Clique Elefanten auf. Als wären sie seine Kumpane weiß er, was zu tun ist, wenn sich Jumbo und Co vor seinem Jeep aufbauen, mit den Ohren flattern und die Buspassagiere meinen, das wäre jetzt aber gar nicht mehr lustig. Ein paar Rüsselschwenker weiter verstummen die Safarigreenhorns angesichts der Marschroute einer Herde Giraffen. Gimo strahlt, als sähe er die Tiere zum ersten Mal. Staksende Antilopen, immer den möglichen Jäger im Augenwinkel, trabende Warzenschweine, die das Niesen eines Safariteilnehmers in den Schweinsgalopp wechseln lassen, Gazellen, die, kaum in die Luft gesprungen, auf Zeitlupe umschalten und die Landschaft streifende Zebras schließen für heute die Pirsch ab.

Die mystische Kulisse des Kilimandscharo hat sich zu dieser Stunde in einen dichten Wolkenmantel gehüllt. Fast glaubt man, er sei in der Zwischenzeit verschwunden. Nur der verschneite Scheitel oberhalb des Wolkenkragens gibt Gewissheit, dass der höchste Berg Afrikas noch da ist.

Man verspürt Erleichterung, dass dies alles durch die Schaffung eines Nationalparks behütet wird und doch scheinen gerade angesichts dieser Wildnis die Worte des Pulitzerpreisträgers und Löwenbeobachters Philip Caputo besonders zu greifen, der meint "Ja, wir maßen uns in gewisser Weise sogar an, Mitleid mit der Natur zu empfinden, indem wir sie zu schützen trachten . . ., was genau genommen natürlich auch wieder nichts anderes ist als eine (eben etwas andere) Form anmaßender Machtausübung."

Zurück bei Finch Hattons, traut man sich in der zweiten Nacht schon ein wenig dazuzugehören, zu einem Ort, von dem Karen Blixen meinte, "Hat man den Rhythmus von Afrika erfasst, merkt man, dass er alles durchdringt". So liegt man in staubigen Schuhen da, auf seiner Liege vor dem Zelt. Dieselben Geräusche, die einem in der vorigen Nacht noch wie Elfen um die Ohren sausten, werden vertrauter und man versucht, ein wenig tiefer in ihre Geheimnisse hineinzuhören. Denn, so sagen es die Stimmen aus der Quelle Ndituni: Die Natur kennt keine Geheimnisse, keine Wildnis, denn sie definiert sich nicht. Sie ist einfach nur da, so wie der Dornbusch, der sich in der Quelle spiegelnde Mond, der mächtige Affenbrotbaum, der Schnee am Kilimandscharo oder der Löwe, der auch in dieser Nacht nicht schläft. Sie alle lassen den Fremden fast unbewusst an einer ungeahnten Größe teilhaben. Fassen lässt sich diese kaum. Ernest Hemingway schrieb, "Nichts, was ich je gelesen habe, hat mich auf die Schönheit dieses Landes vorbereitet." (Der Standard/rondo/17/2/2006)

Info

Veranstaler: Meiers Weltreisen

Unterkunft:
E-Mail: Finch Hatton

Finch Hattons

Private Safaris
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    Bei einer Safari im Tsavo-West-Nationalpark

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