"Wenn Vorwürfe stimmen, ist Level der Folter erreicht"

3. März 2006, 10:01
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Isolationshaft, Kälte und brutale Zwangs­ernährung: UNO-Berichterstatter Manfred Nowak fordert im STANDARD-Interview Schließung von Guantánamo

Standard: Werden die Häftlinge in Guantánamo gefoltert?

Nowak: Das Pentagon hat bestimmte Verhörmethoden in Guantánamo autorisiert, die in ihrer Kombination von internationalen Organisationen als Folter oder zumindest unmenschliche Behandlung qualifiziert wurden. Darunter fällt, dass Gefangene extremen Temperaturen ausgesetzt werden, oder auch die lange Isolationshaft. Wir haben mit einem Häftling gesprochen, der eineinhalb Jahre von den anderen komplett isoliert war. Bei der Zwangsernährung von Hungerstreikenden habe ich gesagt, dass, wenn die Vorwürfe stimmen sollten, die Art und Weise der Zwangsernährung den Level der Folter erreicht.

Standard: Welche Anschuldigungen sind das?

Nowak: Wir haben die Vorwürfe nur aus Sekundärquellen, also von den Anwälten der Häftlinge. Aber die Anwälte haben uns von ihren Klienten übereinstimmende Berichte über die Zwangsernährung durch die Nase gegeben. Insbesondere, dass immer wieder auf relativ brutale Art und Weise besonders dicke Schläuche eingeführt wurden, so dass der Prozess sehr schmerzhaft war. Gefangene haben dabei erbrochen, es ist zu Blutungen gekommen. So steht jetzt der Vorwurf im Raum, dass diese Praktiken ganz bewusst eingesetzt wurden, um die Häftlinge davon abzuhalten, weiter im Hungerstreik zu bleiben.

Standard: In Ihrem Bericht ist auch von der Verletzung religiöser Gefühle die Rede.

Nowak: Das Ganze hat sicher nie die Ausmaße von Abu Ghraib erreicht, zum Teil sind die Sachen auch bekannt, etwa die Verunglimpfung des Koran. Das waren auch nicht viele Fälle. Aber generell htten die Leute das Gefühl, dass sie als Muslime diskriminiert wurden. Da wiederum haben wir andere Informationen von den USA: Die Religionsfreiheit werde respektiert, etwa beim Essen. Aber es kam auch zu sexuellen Verhörpraktiken durch weibliches Personal.

Standard: Die zentrale Empfehlung ihres Berichtes ist es, das Lager zu schließen?

Nowak: Ich sehe keine Notwendigkeit für dieses Lager, es widerspricht dem Völkerrecht. Die logische Konsequenz daraus ist, dass die Leute freigelassen werden müssen. Außer, man hat genug Beweise, um sie als Terroristen zu verurteilen. Aber die Zeit, diese Beweise zu sammeln, war inzwischen schon lange genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2006)

Das Gespräch führte András Szigetvari

Zur Person
Der 1950 in Bad Aussee geborene Jurist Manfred Nowak ist seit 1. Jänner 2004 UN- Sonderberichterstatter über Folter.
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    Manfred Nowak

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