Situiertes Wissen

21. Februar 2006, 11:27
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Niemals als Knecht eines Herrn: Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive bei Donna Haraway

Der postmoderne Feminismus beschäftigt sich vorwiegend mit der sozialen Konstruktion von Gender sowie mit sich verändernden Identitäten und kulturellen Kategorien, die Frauen betreffen. Donna Haraway, promovierte Biologin und Wissenschaftshistorikerin, bekannt für ihr "Cyborg Manifesto", wird als postmoderne Vertreterin des Feminismus gesehen.

Haraway grenzt sich ab gegen eine philosophische Tradition, die Rationalität für absolut und objektiv hält und in der Gesellschaft und Natur transzendente Kategorien sind. Donna Haraway ist spätestens seit ihrem 1989 erschienenen Buch "Primate Visions", einer Diskursanalyse von Primatologie, Anthropologie und Soziobiologie, zu einer der bedeutendsten feministischen WissenschaftstheoretikerInnen geworden. Insbesondere seit zwei ihrer Aufsatzsammlungen auf deutsch erschienen sind, nimmt die Diskussion ihrer Texte auch im deutschsprachigen Raum zu.

Donna Haraways Essays profitieren von ihrer marxistischen und sozialistischen Vergangenheit bzw. Grundhaltung ebenso wie von ihrer praktischen politischen Arbeit. Ihre Teilnahme und Verortung in der US-amerikanischen Homosexuellen- und Frauenbewegung prägen ihre Texte. Haraways Betrachtungsweise vereint wissenschaftliche Analyse mit politischer Stellungnahme. Zu den Eigenschaften von Haraways Texten gehört die immer wieder in den Mittelpunkt gerückte enge Verbindung von (Wissenschafts-)Theorie und politischer Praxis.

Grenzüberschreitendes

Haraway überschreitet in ihrer wissenschaftlichen Praxis nicht nur tatsächliche Grenzen, als sie vielmehr die Tatsächlichkeit der Grenze anzweifelt, deren Konstruktion sowie vermeintliche Notwendigkeit aufzeigt. Ihre Vermischung von theoretischer Analyse mit politischer Positionierung, die sich auch sprachlich ausdrückt, ist dafür bereits ein Beispiel. Diese Betrachtungsweise ist sowohl risikoreich als auch beunruhigend. Denn indem sie die Geschlossenheit philosophisch so bedeutender Kategorien wie "Mensch" oder "Natur" in Frage stellt, unterminiert Haraway die gesamte Subjekt-Position. Es gibt kein sicheres "Außen" mehr, von dem aus die Welt "beobachtbar" wäre. Dies läßt so manches Fundament eines traditionellen Wissenschaftsverständnisses wanken.

Soziale Konstruiertheit

Diese enge Verflechtung ihrer Theorie und ihres politischen Anspruchs verdeutlicht sich in "Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective" (Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive) von 1988: Sie bekräftigt hierin das Argument der sozialen Konstruiertheit aller Wissensansprüche und -subjekte, und plädiert für deren Vermittlung als stets historisch spezifische - eine Vermittlung von Wissen(schaft) ohne diese selber als Überredungsstrategie in agonistischen Machtfeldern aufzufassen. Donna Haraway meint, dass sie langlebige Wahrheitsansprüche einer entkörperten, feindlichen wissenschaftlichen Objektivität (abstrakte Männlichkeit) dekonstruieren wollte, durch die Wissen zur allgemeingültigen Lehre (-> Wissenschaft -> Wahrheit) sanktioniert wird; und daher bedient sie sich des Forschungsmittles des sozialen Konstruktivismus.

Konform mit Butler

Zunächst ist Haraways Grundlage die unbedingte Kontingenz, also Bedingtheit allen wissenschaftlichen Wissens. Das impliziert eine ständige kritische Reflexion der eigenen Sichtweise, die niemals nur passive Beobachtung, sondern immer bedeutungserzeugend ist. Hier geht Haraway konform mit vielen wissenschaftssoziologischen Ansätzen wie auch mit Philosophinnen wie Judith Butler. Gleichzeitig plädiert Haraway für Engagement und politische Arbeit für eine "bessere Welt". Diese Gleichzeitigkeit der Ansprüche ist für sie kein Widerspruch, jedenfalls nicht einer, der nicht auszuhalten wäre: "Above all, rational knowledge does not pretend to disengagement: to be from everywhere and so nowhere, to be free from interpretation, from being represented, to be fully self-contained or fully formalizable. Rational knowledge is a process of ongoing critical interpretation among 'fields' of interpreters and decoders."

Sie spricht "der" Wissenschaft die Qualität einer historischen Praxis zu: "Geschichte ist eine Erzählung, die sich die Fans westlicher Kultur gegenseitig erzählen, Wissenschaft ist ein anfechtbarer Text und ein Machtfeld, der Inhalt ist die Form. Basta. Die Form der Wissenschaft ist die artefaktisch-soziale Rhetorik, die die Welt in nutzbare Objekte zerlegt. Dies ist die Praxis weltverändernder Überredungsstrategien [....]."

Dadurch wird sie demystifiziert und verliert den Anschein absoluten Anspruchs. Dies gilt für die einzelnen Disziplinen, besonders die Naturwissenschaften, ebenso wie für deren, meist hierarchische, Abgrenzung untereinander. Wesentlich an Haraways Praxis ist die Dekonstruktion von Grenzen, diskursiven Fundamenten und Ausschließungen.

Sie versucht, "einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält". Donna Haraway kritisiert am Marxismus dessen "Unvermögen, diejenigen Tätigkeiten von Frauen zu historisieren, die nicht für Lohnarbeit in Frage kommen".

Standpunkt der Unterworfenen

Andererseits sei auch die herrschaftskritische Tradition des Marxismus für sie von Bedeutung gewesen. Sie meint, dass sie auch in dem Sinn objektiv sei, dass sie eine bessere Welt für Frauen möchte. Das Problem dabei sei, einerseits die historischen Objektivitätsansprüche der Wissenschaft zu dekonstruieren, aber andererseits den eigenen feministischen Objektivitätsanspruch aufrechtzuerhalten. Deshalb sei ein neuer Objektivitätsbegriff notwendig. Dies müsse ein Begriff sein, der "den Standpunkt der Unterworfenen" einnimmt und "eine Perspektive aus der Position der weniger Mächtigen" (Haraway 1995b, S. 83) sei. "Unterworfene Standpunkte werden bevorzugt, weil sie angemessenere, nachhaltigere, objektivere, transformierendere Darstellungen der Welt zu versprechen scheinen" (Haraway 1995b, S. 84). Totalisierung sowie die Betonung einer einzigen Sichtweise und Ablehnung anderer Sichtweisen (dies wirft sie dem radikalen und dem marxistischen Feminismus vor) seien der falsche Weg, notwendig seien politische Solidaritätsnetzwerke, "heterogene Vielheiten" (ebd., S. 86) und die "Verknüpfung partialer Sichtweisen und innehaltender Stimmen zu einer kollektiven Subjektposition" (ebd., S. 91), um die imaginierten Grenzen zwischen Genen, sozialen Klassen, gender rassen, Texten oder Disziplinen als diese erkennen zu können, und somit einer Prolongierung der tödlichen Phantasie des Reduktionismus entgegenzutreten und für eine komplexere Vermittlung von Wissensformationen einzutreten.

Orientierungschemata

Auf der Ebene der feministischen Wissenschaftstheorie und -kritik kehren die bekannten Themen wieder. Die Vertreterinnen der feminist standpoint epistemologies z.B. berufen sich auf eine in der weiblichen Sozialisation begründete andere Form der Rationalität, die die feministische Erkenntnis fundieren soll. In neueren Ansätzen, die sich an diese Erkenntnistheorien anlehnen (jedoch ihre Ausrichtung auf Frau im Singular kritisieren und durch den Plural ersetzen), wird das geschichts- und bewußtseinsphilosophische Modell, wie es etwa Mies mit der Forderung nach der Herstellung eines Frauenbewußtseins formuliert hatte, abgelöst von räumlichen und diskurstheoretischen Kategorien: was Mies Parteilichkeit und Betroffenheit nannte, heißt nun, z.B. bei Donna Haraway, partial perspective und situated knowledges (vgl. Haraway 1991). Damit setzt sie Orientierungschemata für eine eigene "Standpunkttheorie" in postmoderner Diskurivität.

Feministisches Wissen als Kategorie

Dem Konstruktivismus bleibt Haraway treu, die Widerspiegelungstheorie ist für sie keine gangbare epistemologische Argumentationsweise: "Situiertes Wissen erfordert, daß das Wissensobjekt als Akteur und Agent vorgestellt wird und nicht als Leinwand oder Grundlage oder Ressource und schließlich niemals als Knecht eines Herrn" (Haraway 1995b, S. 93). Mit Leinwand verweist sie auf eine Projektion von Normen, Werten und Regeln. Gegen die Möglichkeit einer solchen Widerspiegelung spricht sie sich aus. Mit "situiertem Wissen" meint Haraway, dass Wissen von Forschenden nur in Bezug auf deren politische Position gebildet werden kann. Sie sieht feministisches Wissen als eine Kategorie, die nur möglich ist, wenn sie sich auf gesellschaftspolitische Veränderungen bezieht. (bto)

Donna Haraway
Die Neuerfindung der Natur.
Primaten, Cyborgs und Frauen.

Campus Verlag. 1995, 237 Seiten, Paperback, ISBN: 3593352419
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