Brunftgebläse, tanz mit MIR!

20. Februar 2006, 20:28
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Wirklich guter Trash ist selten im zeitgenössischen Tanz - als Ausnahme: Constanza Macras

Wien - Wirklich guter Trash ist zurzeit selten im zeitgenössischen Tanz, und auch die aus Argentinien stammende deutsche Choreografin Constanza Macras hat heute dafür kein Gefühl mehr. Das hat sie jedenfalls im Vorjahr mit ihrem damals neuen Stück Big in Bombay bewiesen. Wie gut sie noch drei Jahre davor trashen konnte, kann zurzeit im Wiener Schauspielhaus bei MIR - A Love Story erlebt werden.

Das 2002 uraufgeführte Stück ist sichtlich gereift. War es im Zustand seiner Uraufführung noch ein sich schleppendes Durcheinander aus Szenen, in denen ältere Laiendarstellerinnen und jüngere Tänzer wie nebenbei Liebe mit Lenin durchrüttelten, so reüssiert es heute als richtig spannendes dramaturgisches Chaos. Also als berückendes Pendant zu jenem Geisteszustand, in den Verliebte geraten, wenn ihre Hormone zur Brunft blasen.

Big in Bombay und MIR - A Love Story bedienen sich gleichermaßen aus dem Tanz, dem Theater, der Artistik und dem Musical. Dazu ein wenig Lichtzauber und ein paar Videobilder - fertig ist der Stücksalat. Das wird in Berlin für originell gehalten, wie die Beliebtheit von ähnlich arbeitenden Künstlerinnen wie Sasha Waltz oder Ami Garmon illustrieren.

Letztendlich erinnert diese Ästhetik an Shows deutscher Privatkanäle, also an schlecht kopiertes amerikanisches Entertainment. So lässt Macras' Arbeit auch von fern an die New Yorker Wooster Group denken. Hätte die Choreografin wie diese die Courage besessen, ihr Werk tiefer in die Trash-Flöze unserer Kultur zu treiben, wäre sie heute eine bemerkenswerte Künstlerin.

MIR - A Love Story ist ein werkbiografischer Rückblick in bessere Zeiten. Drei ältere Damen in Rock und Blüschen erzählen die Liebesgeschichten ihrer Leben. Das tänzerische Jungvolk hingegen lässt sich durch die Lamourhatscher der Popkultur treiben, abgehoben wie in einer Raumstation.

Es ist auch ganz egal, ob auf dieser MIR ein roter Stern oder ein rotes Herz gemalt ist. Die Liebe ist ohnehin immer Politik. Und Politik ist nie lieb. Konsequent wird sie von Macras und ihren Darstellern als die Demütigung und Euphorie, der Wahn, die Selbstzerfleischung, die Aggression, die Verirrung, Psychoblähung, Seligkeit etc. gezeigt, die sie eben ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.2.2006)

Von Helmut Ploebst

Weitere Vorstellungen im
Schauspielhaus: 14.-16.,
18.-20. 2. 2006

  • Leben, Liebe und Lamourhatscher: "MIR - A Love Story" von Constanza Macras im Wiener Schauspielhaus.
    foto: paul keller

    Leben, Liebe und Lamourhatscher: "MIR - A Love Story" von Constanza Macras im Wiener Schauspielhaus.

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