Fitnesscenterblues

16. Februar 2006, 19:01
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Eine ewige Baustelle, meint K., sei Schuld dass sie über den Winter so stark zugenommen habe

Es war gestern. Da hat K. sich zuerst schrecklich aufgeregt und dann aufgegeben. Aber irgendwie wirkte sie auch befreit. Weil sie jetzt endlich einen Schuldigen gefunden hat. Für die paar Kilos mehr: Schuld ist das Fitnesscenter zwischen unseren Wohnungen. Dort hat sich K. eingeschrieben. Das war im Oktober.

K. und ich wohnen nicht weit auseinander. Aber aus irgendeinem Grund kommt K. nie am Margaretenplatz vorbei. Deshalb hat sie das dort eingerichtete Anwerbebüro einer nicht unschicken Fitnesscenterkette erst spät entdeckt. Und weil das Lockangebot tatsächlich gut klang – und K. zu der bisher von ihr genutzten Trimmstube weit anreisen und dafür mehr Geld hinlegen musste als hier und dafür dort kein Schwimmbad nutzen konnte, unterschrieb sie hier den Mitgliedsvertrag – und kündigte gleichzeitig in ihrem alten Fitnesscenter.

Dezember

Der Übergang, war ihr versprochen worden, würde fließend sein: Im Dezember sollte das Studio im ehemaligen Margaretenbad eröffnen. K. freute sich: das ginge sich ideal mit der Kündigungsfrist in ihrem alten Studio aus. Blöderweise sperrte das neue Studio dann aber nicht auf. K. nahm es mit Humor: Da das vorweihnachtliche Kasteien spätestens zu den Feiertags-Familienessen ohnehin obsolet sei, werde sie eben die Zeit danach umso intensiver nutzen – immerhin habe sie dann ja ein Schwimmbad dabei. Jetzt aber, sagte K. im Dezember, wolle sie sündig völlern.

Blöderweise standen auch nach Weihnachten die Baucontainer vor dem Haus. Und im Jänner war von einer baldigen Eröffnung nix zu merken. K. wurde sauer. Und begann zu telefonieren. Sie erreichte im schicken Fitnesscenter-Center nie jemanden, der sich für befugt hielt, irgend etwas Verbindliches zu sagen. Nur dass sie sicher nicht einstweilen in einer der anderen Filialen trainieren dürfe, wusste jeder, der das Telefon abhob. (Dafür wussten manche Mitarbeiter nicht einmal, dass da im alten Schwimmbad eine neue Trimmstation entstehen sollte.)

Mitte Februar

Mitte Jänner kam ein Brief: Man entschuldigte sich für die ungeplante wie unvermeidbare Verspätung und versprach Besserung: Eröffnet würde in der zweiten Februarhälfte – und alle Neukunden müssten erst ab März zahlen. Ein halber Trost, befand K. Anfang Februar: Ins Fitnesscenter geht sie nämlich nur im Winter – ab April turnt sie im Freien. Und weil sie seit Anfang Dezember keinen Finger gerührt hätte, habe sie ordentlich zugenommen. Eineinhalb Kleidergrößen. Optimistisch geschätzt – und ich solle es nicht wagen, dazu jetzt etwas zu sagen. Egal was.

Vorgestern begann K. dann wieder zu telefonieren. Wieder erreichte sie niemanden Kompetenten. Aber zum Glück hat ein Bekannter von uns, Journalist bei einer Agentur und ebenfalls Neukunde der ewigen Baustelle, auch zum Hörer gegriffen. Und mit dem Suffix „Presse“ kommt man manchmal weiter. Worüber er sich überhaupt aufrege, habe die Gegenfrage gelautet – es laufe alles wie versprochen: Das Fitnesscenter werde am 27. Februar aufsperren, also durchaus in der zweiten Februarhälfte. Und Mitgliedsbeiträge würden erst ab Anfang März abgebucht.

K. fühlt sich deshalb einigermaßen verarscht. Und wird ihren Vertrag zum erstmöglichen Termin kündigen: Egal ob Schwimmbad oder nicht, meint sie: Für so blöd könne doch kein Mensch seine Kunden halten und das Geld, das sie bisher nicht für den eleganten Club ausgegeben hat, werde sie schon loswerden: Eine Saisonkarte im Stadthallenbad, ein Badeanzug und eine leicht gefütterte Laufausrüstung müssten sich ausgehen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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