BB-Doppelmonarchie an der Themse

1. März 2006, 15:45
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Blairs Ablöse durch Brown ist eingeleitet

London – Die linke Hälfte lässt noch Tony Blairs strahlendes Lächeln erahnen, nach rechts wird alles dunkler, die buschigen Augenbrauen, die Haare, der Teint, und finsterer wird der Gesichtsausdruck. Die rechte Hälfte der Collage zeigt Gordon Brown, der de jure Finanzminister des Vereinigten Königreichs ist, de facto aber viel mehr, nämlich Premierminister im Wartestand.

Die Sun hat den Aufstrebenden bereits fotografisch verschmolzen mit Blair. Der hat zwar noch das Amt, das Brown sich sehnlich wünscht, doch immer öfter grinst er so distanziert, als wäre er nur noch der Elder Statesman.

Wenn sie dereinst die Chronik des britischen Machtwechsels schreiben, dürften sie diesen Februar mit fettem Rotstift markieren. Die einen nennen es Doppelspitze, andere Doppelmonarchie, Innenminister Charles Clarke die "duale Premierministerschaft". Blair und Brown, seit 1994 das dominierende Paar der Neuen Mitte der Labour- Partei, seit 1997 Nachbarn in Downing Street Nr. 10 und 11, haben sich auf den Stabwechsel nicht nur verständigt. Sie zelebrieren sie ihn geradezu.

Plötzlich hält der Schotte Brown Reden, wie man sie von Finanzministern nicht kennt. Statt über Haushaltslöcher zu klagen, skizziert er die großen strategischen Linien. Am Montag, im illustren Royal United Services Institute zu London, sprach er über den globalen Kampf gegen den Terror. Neulich hat er neue Gedanken zur Stärkung der "Britishness" vorgetragen, etwa die Idee, einen Nationalfeiertag einzuführen, wie ihn die USA mit dem 4. Juli besitzen. Das ist nur der Anfang des "Projekts Gordon".

Das Szenario geht ungefähr so: 14, vielleicht 16 Monate lang bereitet sich der Herr des Haushalts auf höhere Würden vor, indem er jede Gelegenheit nutzt, um auf großer Bühne zu stehen. Im Sommer 2007 könnte die britische Armee den Irak verlassen, damit schlüge Browns große Stunde. Unbelastet von "Tonys Krieg" übernimmt er Number Ten, während sich Blair seinen Ruhestand durch lukrative Vortragstouren durch Amerika versilbert.

Bis zum nächsten Unterhausvotum, frühestens 2009, hätte der Neue dann genug Zeit, um sich im Duell mit David Cameron zu messen, jenem jugendlich-dynamischen Überflieger der Konservativen, der sich höchst eloquent als Blairs programmatischer Erbe verkauft. (fh, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2006)

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