"Die abgeschaffte Mutter" oder ein Unbehagen in der Kultur

28. Februar 2006, 20:11
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Eine kontroverse Podiumsdiskussion zum männlichen Gebärneid in der Wiener Hauptbücherei

Hilde Schmölzers Aufsehen erregendes Buch "Die abgeschaffte Mutter. Der männliche Gebärneid und seine Folgen" war Anlass für eine Diskussion zum Thema Gen- und Reproduktionsmedizin, die am 13. Februar in der Wiener Hauptbücherei am Gürtel stattgefunden hat.

Entsprechend kontroversiell verlief die von Beatrix Kramlovsky moderierte Podiumsdiskussion, die weit über das eigentliche Thema hinauslief. Es diskutierten die Politikwissenschaftlerin Claudia von Werlhof, die Ärztin Christine Kurz aus der Kinderwunsch-Abteilung des Wiener AKH und die in Wien lehrende Philosophin Herlinde Pauer-Studer, die auch Mitglied des Wiener Beirats für Bio- und Medizinethik ist. Ausgangspunkt für die Diskussion waren Hilde Schmölzers Thesen, welche die Autorin anhand ausgewählter Abschnitte vorstellte.

Die ermordete Urmutter und das Kind aus dem Labor

Für Schmölzer beginnt das Patriarchat mit der Ermordung der "Großen Mutter", die Lebens- und Todesgöttin gewesen sei. ER, der männliche Gott, schaffe aus dem Nichts, da er den Ursprung - die Urmutter - getötet habe. "Der Muttermord stiftet eine Kultur, die nicht die unsere ist!", zitiert Schmölzer die feministische Theoretikerin Luce Irigaray. Eine solche Kultur verortet Schmölzer auch in der heutigen Gesellschaft. Nach einem Querfeldeinlauf durch die Geschichte landet die Autorin beim "Kind aus dem Labor". Den heutigen Reproduktionstechnologien sei eben diese Entwicklung vorausgegangen, die mit dem "Muttermord" begonnen habe.

Von der Zersplitterung größerer Zusammenhänge

Es sei eine Illusion, dass Technologien Probleme lösen könnten, meinte die Matriarchatsforscherin Werlhof. Vielmehr werde ein Krieg gegen Frau und Natur geführt und eine Art "zweite Natur" geschaffen, die eine künstliche und keine lebendige mehr sei. So verweist Werlhof auf eine ökologische Krise, die mit einem irreversiblen Zerstörungsprozess einher gehe. Auch Schmölzer klagt in ihrem Buch die Zersplitterung größerer Zusammenhänge an. Beispielsweise seien Kinder mit zwei genetischen Müttern, einem biologischen und einem sozialen Vater aus jeglichem Zusammenhang gerissen. Reproduktionstechnologien machen so etwas möglich. Ihr Ziel sei - so Schmölzer - die Ausschaltung des Frauenleibs. Die Frau sei nicht mehr als eine Rohstofflieferantin, auf deren Kosten Profit gemacht werde. Die Reproduktionstechnologien hätten in Wirklichkeit keine humanitären Ziele, sondern würden nur ökonomischen Gewinn anstreben.

"Eine unfruchtbare Frau ist keine richtige Frau"

Diese Gleichsetzung übe laut Schmölzer oft enormen Druck auf kinderlose Frauen aus. Schwangere Frauen hingegen sehe man nicht als aktiv handelnd an, vielmehr seien sie Opfer der üblichen Medikalisierung. Christine Kurz, die kurzfristig für Johannes Huber eingesprungen war, fühlte sich zunächst angegriffen. Es sei traurig, meinte sie, aber tatsächlich seien Frauen nicht mehr in der Lage normal zu entbinden. Auch würde die Anzahl so genannter "Risikomütter" steigen, die erst nach abgesicherter Karriere und mit einem entsprechend höheren Alter Kinder haben möchten. In diesem Zusammenhang kamen einige Meldungen aus dem Publikum, welche die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf anklagten.

Gesunde Ethik als Ausweg in einer kranken Welt?

Vor allem spalteten sich die Meinungen bei der Diskussion um mögliche Lösungswege. Für die Philosophin Pauer-Studer sind Gen- und Reproduktionstechnologien gefährlich, wenn sie sich in privaten Händen befinden. Hingegen könnte sie sich eine Liberalisierung auf staatlicher und ethisch abgesicherter Ebene wie in Großbritannien vorstellen. Die österreichische Biopolitik sei widersprüchlich, da Embryos im Rahmen der IVF (In-Vitro-Fertilisation) getötet werden dürfen, Embryonenforschung aber nicht erlaubt ist. Für Werlhof hingegen ist es 5 nach 12. Es sei nicht ausreichend innerhalb dieser gesellschaftlichen Entwicklung nach Lösungen zu suchen. Vielmehr bräuchte es Alternativen.

Die Vorstellung ihres Buches beendete die Autorin mit folgendem Fazit: Man müsse diese Entwicklung - vom Muttermord zum Baby im Labor - aufzeigen und versuchen, zerstörte Zusammenhänge wieder aufzubauen. Tatsächlich ein bisschen wenig, um das Dilemma zu lösen. Doch kann wohl kein Buch "die Lösung" für gesellschaftliche Probleme bringen. So bleibt "Die abgeschaffte Mutter" ein wichtiges Thema mit gesellschaftskritischem Potential, das Schmölzer erfolgreich an die Öffentlichkeit gebracht hat. (ruka)

  • Hilde Schmölzer: Die abgeschaffte MutterEuro 21,90Promedia 2006 ISBN 3-85371-241-X
    foto: promedia
    Hilde Schmölzer:
    Die abgeschaffte Mutter
    Euro 21,90
    Promedia 2006
    ISBN 3-85371-241-X
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