Wieso "Der Wadenmesser"?

17. Februar 2006, 20:58
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Manfred Ebendorfer wundert sich, weshalb mein Film über Mozart "Der Wadenmesser" heißt.

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Im Zuge meiner Beschäftigung mit Mozart stieß ich auf eine kuriose Episode, die sich im Frühjahr 1782 in Wien zugetragen hatte und in deren Zentrum ein Gesellschaftsspiel stand, das mir bis dahin gänzlich unbekannt war. Konkret ging es dabei um das so genannte "Wadenmessen", das zur Mozart-Zeit eine beliebte Abendunterhaltungen war.

Bei diesem Spiel wurden den Damen von den Herren mit einem Stoffband die Waden gemessen, wodurch man einander zwangsläufig näher kam. Ende April 1782 hatte Mozart nun erfahren, dass sich seine spätere Frau Constanze während einer Party im Hause der Baronin Elisabeth von Waldstätten "von einem Chapeau habe die Waden messen lassen", weshalb er ihr massive Vorhaltungen machte.

Bedenkt man, dass Frauen damals zwar viele Röcke, aber keine Unterwäsche trugen, versteht man Mozarts Verstimmung. In den Memoiren Casanovas kann man nachlesen, wo solche "Spielchen" häufig endeten, nämlich im Bett. Wenn man allerdings weiß, dass Mozart selbst gerne Waden maß - wie er freimütig zugab -, wird man seine Vorwürfe in erster Linie als das sehen, was sie waren: nämlich die Überreaktion eines eifersüchtigen Ehemanns in spé.

Mozart war über Constanzes Verhalten aus zwei Gründen verärgert: Zum einen wusste er, dass es bei den Festen im Hause der Baronin von Waldstätten ziemlich hoch herging, und zum anderen fürchtete er, dass die 20-jährige Constanze ihr Eheversprechen möglicherweise nicht halten würde. In diesem Falle hätte Mozart nämlich aufgrund eines bereits abgeschlossenen Ehekontrakts jährlich die stolze Summe von 300 Gulden an Constanzes Mutter, Cäcilia Weber, zahlen müssen.

Als Mozarts Vater in Salzburg von diesem Vertrag erfuhr, tobte er vor Wut und teilte seinem Sohn in einem Brief mit, dass Cäcilia Webers Ruf als Kupplerin und Alkoholikerin sogar in Salzburg bekannt sei. Aber weder die Affäre um das Wadenmessen noch Leopold Mozarts Beschwörungen konnten Wolfgang davon abhalten, "die gute, liebe konstanze" am 4. August 1782 im Wiener Stephansdom zu heiraten. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.2.2006)

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