Wienbesuch nach literarischer Vatersuche

14. Februar 2006, 09:58
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US-Romancier John Irving mit 100.000 Gratis-Exemplaren von "Lasst die Bären los!" in Wien - Mit Kopf des Tages

Wien - Einundzwanzig Jahre jung war der Amerikaner John Irving, als er 1963 nach Wien kam, um am Institut für Europäische Studien ein Jahr lang etwas über Europa - und Wien zu erfahren. Von der zwischen Schwarzenberg- und Karlsplatz gelegenen Schwindgasse aus, wo er gewohnt haben soll, erkundete der Neo-Student Stadt und Umgebung.

So jedenfalls will es die Fama. Wie man sich solche Bildungs-Exkursionen vorstellen darf, verrät Irving in dem literarischen Niederschlag, den die Monate in Wien wenig später fanden: 1968 veröffentlichte er seinen ersten Roman, Setting Free the Bears / Lasst die Bären los!. Der bereits irvingeske 500 Seiten starke Erstling mit Handlungsschwerpunkt Wien - und Umgebung - begleitet die beiden Protagonisten Siggi Javotnik und Hannes Graff bei einem Studien-Vermeidungs-Trip auf dem Motorrad in Richtung Waldviertel - und Schönbrunner Tiergarten. Dessen Bären freizulassen zählt zu den primären Lebenszielen Javotniks - ein Vorhaben, das seine Wurzeln, wie sich im Lauf des Romans offenbart, in Javotniks Familiengeschichte hat - was die Handlung in Rückblenden in die Jahre des Nationalsozialismus zurückführt.

Lasst die Bären los! ist der nunmehr vierte Roman, der in der Gratisbuch-Aktion Eine Stadt. Ein Buch. in 100.000 Exemplaren in Wien verteilt wird. Mit der Eröffnung des Bücherturms durch Bürgermeister Michael Häupl (SP) in der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz heute, Dienstag, 15 Uhr, startet die Vergabe der Gratisschmöker in den Büchereien, Buchhandlungen und vielen Kaffeehäusern Wiens (Auflistung der Orte auf der Homepage der Aktion).

Frederic Mortons Ewigkeitsgasse, Imre Kertész' Schritt für Schritt, Johannes Mario Simmels Das geheime Brot und nun Irving: Die Heterogenität der literarischen Qualität der Bücher, die im Wesentlichen ihre Konzentration auf Wien als Ort der Handlung verbindet, wirft allerdings die Frage nach den Kriterien der Auswahl auf.

Die Wiener SP argumentiert neben dem Lese-Förderungs-Effekt mit einer Thematisierung der Geschichte Wiens im Zwanzigsten Jahrhundert, zumal in den Jahren des Nationalsozialismus. Allerdings wird eine solche prinzipiell dankenswerte Anregung zur Auseinandersetzung nicht - wie etwa im weit engagierteren Parallelprojekt der Stadt Innsbruck - durch begleitende Diskussions- und Vortragsveranstaltungen vertieft.

Auch bürgt in Wien nicht, wie in Innsbruck, eine erfahrene Expertenjury für die Buchauswahl, geschieht doch diese vielmehr undurchsichtig in Eigenregie der Veranstalter. Details, die der Wie- ner Aktion den schalen Beigeschmack einer PR-Veranstaltung verleihen. (cia/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2006)

>>>Kopf des Tages Kopf des Tages

Von Claus Philipp

Lasst die Bären los! - Der erste Roman von John Irving, 1974 erschienen, ist das mittlerweile vierte Gratisbuch der Wiener Aktion Eine Stadt, ein Buch. Weil: Äußerst starker Wien-Bezug! So stark, dass der hiesige Fremdenverkehrsverband dem US-Romancier eigentlich mehrere Ehrenabzeichen verleihen müsste. Jahrzehntelang zogen in- und ausländische Touristen durch die Krugerstraße im ersten Bezirk, um Überbleibsel von "John Irving's Vienna" zu suchen, in dem der Schriftsteller 1963 studierte: Die "Pension Grillparzer" etwa beschreibt er eindringlich in seinem Bestseller Das Hotel New Hampshire, und wenn Wien auch in Garp und wie er die Welt sah vortrefflich in Irvings illustres Universum kaputter Familien und defekter Überlebenskünstler passt, dann könnte man beinahe übersehen, dass er Österreich eigentlich gar nicht so großartig erlebte.

Immer wieder sah er sich antisemitischen Anwürfen ausgesetzt ("Nur wegen meines vermeintlich ,jüdischen' Namens"). Entsprechend gereizt reagierte er auf die österreichischen Selbstrechtfertigungen im Zuge der Waldheim-Affäre, als er 1986 in Wien Owen Meany präsentierte. "Ich bezweifle, dass ich jemals wieder dorthin fahren werde", schrieb Irving noch 1996 im autobiografischen Essay Die imaginäre Freundin.

Nun, im Zuge einer Lesetournee für sein neues, seit Jahren erfolgreichstes Buch Bis ich dich finde und für die Gratisbuch-Aktion springt der Starautor jetzt doch über seinen Schatten - nicht zuletzt, weil er seinem Sohn aus seiner zweiten Ehe mit der kanadischen Literaturagentin Janet Turnbull - er lebt mit ihr in Vermont und Toronto -, Wien zeigen will. Dass er aber weiterhin angriffig argumentieren kann und will, wird er bei einer (ausverkauften) Diskussion im Burgtheater am 19. Februar unter Beweis stellen.

Wobei er im Fall von Bis ich dich finde eher Anlass zur Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie finden wird: Wie sein Romanheld Jack Burns wusste Irving lange nicht, wer sein richtiger Vater war. Wie Burns war er als Kind sexuell missbraucht worden - und arbeitete sich nicht nur in dieser Hinsicht an vergangenen Defekten ab.

"Dass du nicht besonders begabt bist, braucht nicht das Ende vom Lied zu sein." Ein Freund habe dies zu ihm gesagt, schreibt John Irving in Die imaginäre Freundin und bekräftigt mehrmals, dass er sich in seinen beiden großen Leidenschaften, dem Schreiben wie dem Ringen, auf so etwas wie Begabung nur bedingt berufen konnte. Im Gegenteil: Als Legastheniker musste er sich nicht nur die Lektüre von Lieblingsautoren wie Charles Dickens, sondern auch das Schreiben hart erkämpfen.

Die Preise dafür holt er sich jetzt vor allem in Hollywood. Für das Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag erhielt Irving 2000 den Oscar. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2006)

Nachlese

Falsche Bilder und Wiederholungstäter
John Irving im STANDARD-Interview

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Eine Stadt ein Buch
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