Überproduktion lässt Chinas Stahlgewinne schmelzen

2. März 2006, 16:37
10 Postings

2006 erwarten Analysten weiteren Anstieg der Überkapazitäten und in der Folge eine Fusionswelle

Peking - In der Stahlindustrie Chinas herrscht Alarmstimmung. Seit 2000 stieg die Rohstahlerzeugung um durchschnittlich 22,2 Prozent pro Jahr auf einen Rekord von 349 Mio. Tonnen im Jahre 2005 – und wuchs doppelt so schnell wie das Wirtschaftswachstum.

Damit geraten die Stahlerzeuger im Reich der Mitte in den selbst verschuldeten Teufelskreis steigender Kosten, fallender Preise, Überkapazitäten und sinkender Nachfrage, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua. Diese Schieflage können wohl auch die auf 20,5 Mio. Tonnen gestiegenen Exporte von Stahlprodukten nicht kompensieren, denn die Analysten von "Citic Securities" bis "Guosen Securities" prophezeien für 2006 übereinstimmend Gewinneinbußen jenseits der 50 Prozent.

Schwarze Zahlen

Die 66 größten unter den 871 Stahlunternehmen Chinas haben demnach 2005 noch 9,5 Mrd. US-Dollar Gewinn gemacht – und blieben zehn Prozent unter 2004. Dank ihrer Gewinne konnte aber die gesamte Branche 2005 gerade noch schwarze Zahlen schreiben, obwohl die übergroße Mehrheit der Kleinstahlwerke Verluste macht.

"2006 wird zu den bisher höchsten Überkapazitäten in Chinas Industrieproduktion führen", sorgte sich der Leiter für strategische Planung im Staatlichen Informationsamt Gao Qinghui in der Fachzeitung China Business. Das Informationsamt rechnet selbst bei einem gedrosselten Wachstum der Stahlproduktion auf zehn bis 15 Prozent 2006 mit einem neuen Rekord von 400 Mio. Tonnen. Die Marktnachfrage wird nach Schätzungen aber bei nur 336 Mio. Tonnen liegen.

Korrekturbedarf

Die Reform- und Entwicklungskommission (Chinas Planungsministerium) hatte schon im Dezember für elf Produktionszweige dringenden Korrekturbedarf angemeldet, darunter Aluminium, Zement, Automobile oder etwa Textilien. Die Stahlerzeugung stand ganz oben auf ihrer Liste. Minister Ma Kai warnte: In der Stahlindustrie wurden 2005 Kapazitäten für 470 Mio. Tonnen geschaffen, 120 Mio. Tonnen über der Marktnachfrage. Hinzu kommen Anlagen für 70 Mio. Tonnen, die gerade gebaut würden, und geplante für weitere 80 Mio. Tonnen Kapazitäten. 2005 musste China zugleich 26 Mio. Tonnen an Spezial- und Walzstählen aus dem Ausland einführen.

Fusions- und Übernahmewelle

Ab 2007 sei Chinas zersplitterte Stahlindustrie reif für eine Fusions- und Übernahmewelle des In- und Auslandes, erwarten Chinas Analysten. Peking will alle Stahlwerke mit mehr als zehn Mio. Tonnen als eigenständige chinesische Konzerne erhalten. Nach Shanghai Baosteel, dem mit 21,4 Mio. Tonnen Produktion 2005 sechstgrößten Weltkonzern und Umsatzführer in der chinesischen Stahlbranche, trifft das auf die im vergangenen August zum neuen 20 Mio.-Tonnen-Konzern fusionierten Stahlwerke Anshan (Ansteel) und Benxi (Bensteel) und die Großunternehmen Tangshan (zehn Mio. Tonnen), Wugang und die gerade in die Bohai-Bucht umziehende Pekinger Shougang-Gruppe zu. Langfristiges Ziel der neuen Stahlpolitik Pekings sei es, 2010 mindestens zwei wettbewerbsfähige, chinesische Stahlkonzerne mit einem Ausstoß von jährlich über 30 Mio. Tonnen zu schaffen.

Die Probleme kommen nicht unerwartet, internationale Stahlexperten haben früh gewarnt: In der Internationalen Pekinger Stahlkonferenz im Oktober 2005 wiesen sowohl Ian Christmas, Generalsekretär des Weltstahlverbandes, als auch Dieter Ameling, Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, auf die gravierenden Folgen der Überproduktion für Chinas Märkte, Umwelt und globale Ressourcen hin. Stoppen konnten den Höhenflug weder der von Peking gepushte Fusionsprozess, noch Preisdruck oder die binnen zwei Jahren um 65 Prozent gestiegenen Selbstkosten für Produzenten. Chinas Stahlkocher produzierten 2005 rund 30 Prozent des Weltausstoßes oder soviel Rohstahl wie USA, Russland und Japan zusammen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2006)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.