"Ich ziehe gerne die Fäden"

6. März 2006, 14:44
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Gerlinde Pöchhacker, neue Geschäfts­führerin der OÖ. Techno­logie- und Marke­ting­ge­sell­schaft, will Ober­öster­reich zur inno­va­tivsten Region machen

Gerlinde Pöchhacker ist die neue Geschäftsführerin der OÖ. Technologie- und Marketinggesellschaft. Ihr Ziel ist, Oberösterreich zur innovativsten Region der Welt zu machen

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"Vergangene Konflikte sind vorbei." Gerlinde Pöchhacker will von dicker Luft oder anderen atmosphärischen Störungen nichts hören. Und über die Konflikte bei ihrer Bestellung zur neuen Geschäftsführerin der OÖ. Technologie-und Marketinggesellschaft (TMG) im November 2005 nur ungern reden. "Fronten zu pflegen ist Zeitverschwendung." Eine Lebensweisheit. Was also tat die 38-jährige, quirlig-lebendige Frau mit den intensiv hellblauen Augen am Tag nach der Ernennung zur Geschäftsführerin? Sie lud alle, die an ihr gezweifelt oder den Gegenkandidaten bevorzugt hatten, zu einem persönlichen Gespräch ein.

Die TMG ist eine Landesgesellschaft für Betriebsansiedlungen, Standortentwicklung und Technologieförderung. Haupteigentümer sind das Land Oberösterreich zu 56 Prozent, Wirtschafts- und Arbeiterkammer Oberösterreichs zu je 15 Prozent und die Industrie zu fünf Prozent. So viele Eigentümer sind fast eine Garantie für Interessengegensätze und unterschiedliche Vorstellungen darüber, wer den Job an der Spitze ausüben soll. Aus der Fülle von Kandidaten kristallisierten sich schließlich ein Favorit und eine Favoritin: ein Mann der Industrie aus dem Bereich Forschung und Technik sowie Pöchhacker, bereits Prokuristin der TMG und Betriebswirtin. Damit begann furioses Lobbying für den einen oder die andere. Spielte ihr Frau-Sein dabei eine Rolle? "Natürlich. Ein paar Ehrliche haben mir gesagt: ,Sie sind keine Technikerin - und noch dazu sind Sie eine Frau.'"

Als Pöchhacker das Rennen gewann, gab sie das Motto aus: "Füri schaun und füri gehn". Mit einem weniger poetischen Klang heißt das: nach vorne schauen. Sich aktiv den Herausforderungen und Veränderungen in einer globalen Ökonomie zu stellen statt zu lamentieren. "Ich habe gesehen, wie viel Biss die Menschen in China haben und wie viel Energie und Unbekümmertheit die Amerikaner." Ihre Hauptaufgabe in den nächsten Jahren ist, eine gemeinsam mit 250 Experten und Expertinnen erarbeitete Strategie für ein "Innovatives Oberösterreich 2010" umzusetzen. Das heißt: reden, motivieren, Kontakte knüpfen. Einen Tag pro Woche verbringt sie derzeit netzwerkend in Wien und demnächst auch in Brüssel.

Begonnen hat alles mit ihrer Diplomarbeit. Pöchhacker schrieb über die Förderung der eigenständigen Regionalentwicklung - und war vom Thema gepackt. Während des Studiums arbeitete sie bereits für das Softwarezentrum Hagenberg bei Linz. 1996 stieg sie bei der TMG ein. Als 1998 die Gründung eines Automobilclusters geplant war, fragte sie, ob sie an der Besprechung teilnehmen könne - und fasste sofort die gesamte Arbeit aus. "Wenn Sie die Arbeit machen wollen: bitte sehr", freute sich ein Teilnehmer. Ein anderer kommentierte: "Bist deppert?" Sie wollte dennoch. So wurde sie Frau Automobilcluster. Netzwerken und organisieren liegt ihr. War sie in der Schule Klassensprecherin? "Natürlich", lacht sie. "Ich habe die Fäden gezogen. Ich war eine Rädelsführerin."

Lockerlassen und entspannen kann Gerlinde Pöchhacker am besten beim Bergwandern, im Kino und Theater und beim Essen mit Freunden. Unterstützung holt sie sich bei (geistigen) Schwestern: bei Kolleginnen des europaweiten Managerinnenklubs EWMD (European Women Management Development) sowie bei einer Klosterschwester, bei der sie spirituellen Rat sucht und zur Innenschau findet. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.2.2006)

Von
Margarete Endl
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