Vanilla Musk

14. Februar 2006, 17:51
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Ob eine 16-Jährige tatsächlich einen ausgestorbenen Duft liebt, könnte am Valentinstag geklärt werden

Es wird morgen sein. Oder spätestens übermorgen. Dann wird M. seiner Dulcinea das Parfum gegeben haben – und A. und ich werden wissen, ob 16-jährige Mädchen heute tatsächlich auf Düfte stehen, bei denen wir uns an Omas erinnert fühlen. (Oder an blau gefärbte Haare in der Stefansplatz-Aida. Aber auf keinen Fall an eine aufgekratzte, durchgeknallte – also ziemlich typische – Teenagerin.)

Denn übermorgen wir Valentinstag vorbei sein. Und auch wenn mir der sonst so recht oder egal ist, wie jeder andere kommerzielle Feiertag, hat er heuer durch M. Bedeutung bekommen. Zu Heiligdreikönig drauf.

Grundwehrdienst

Denn am 6. Jänner rief M. an. Wir lagen faul & fett vor dem Ofen. Und setzten jenes gemeine Grinsen auf, das Verwandte von Grundwehrdienern bekommen, wenn der Vaterlandsverteidiger betont, dass er eine arme Sau ist – und man gefälligst bedauern soll.

Verwandet sagen dann oft Dinge wie: „Da musst du durch.“ Weil da jeder durch müsse. Also sagten wir es auch. (In A.s und meinem Fall ist das besonders fies – weil keiner von uns beiden je Uniform trug. A. weil ... eh klar – und mich wollte das Bundesheer auch nicht. Obwohl ich mir vor Stellungskommission echt total und ur viel Mühe gegeben habe. Aber das gehört hier nicht her.)

Wachdienst

M. jedenfalls beschützt mit nicht enden wollender Euphorie eine Kaserne. Er weiß, dass das eine sinnvolle Tätigkeit ist. Vor allem wenn man – damals, Anfang Jänner - gerade frisch verliebt ist. Weil das Verliebtsein von Silvester bis zum 6. Jänner gehalten hatte, war das für M. schon so etwas wie eine Beziehung. Mit Ewigkeitswert – kein Wunder, dass er an den Valentinstag dachte.

Vor allem, weil seine Freundin irgendwann fallen gelassen hatte, dass sie ein Lieblingsparfum habe. Das habe sie jahrelang verwendet. M. hat sich das notiert: „Vanilla Musk, von Coti“, las er uns am Telefon vor. Aber die Sache hatte, wie immer, wenn M. uns anruft, einen Haken: Das Parfum gibt es nicht mehr. Und zwar seit etwa fünf Jahren. Vor vier Jahren wurde die letzte Charge nach Österreich geliefert. Das hatte M. (wie auch immer er das in der toten Jahreszeit geschafft hatte) beim Herstellerkonzern recherchiert. Aber weil sein Wachkommandant so nett gewesen sei, auf eBay nach dem Duft zu suchen, sollten wir das Ding jetzt bestellen: Irgendein Typ in Florida hätte noch genau ein Fläschchen. Aber nur noch wenige Stunden. Stünde auf eBay.

Lieblingsduft

Mit Verliebten und Uniformierten ist Diskutieren sinnlos. Trotzdem wunderte ich mich: Wenn Herzdame 16 – oder halt 17 – sei, wäre es seltsam, dass sie einen Duft, der vor vier Jahren das letzte Mal lieferbar war, jahrelang als Lieblingsparfum treu geblieben sei. Das mit dem „nur noch ein paar Stunden“ ließ sich leichter klären. Ebenso wie der in der Kaserne verbreitet Irrtum, dass es sich bei der Mengenangabe um Liter handle – und M. deshalb drauf und dran sei, in den USA einen halben Liter Parfum zu bestellen.

M. blieb in der Sache stur. Er sei sich sicher. Und brauche das Parfum – ich solle sofort ordern. Und es war ihm nach einen kurzen Schock dann auch egal, dass der von seinem Vorgesetzten gefundene einzige und allerletzte Händler nur in die USA liefere: eBay listete bei meiner Anfrage nämlich eine lange Liste an Parfumrestelverklopfern auf. Einer lieferte sogar nach Europa. Der Transport war dreimal so teuer wie der Flacon. Ich bestellte. „Und das geht sich sicher aus?“ fragte M. ängstlich.

Schweres Vanille

Fünf Tage später war das Fläschchen da. M. wäre vor Begeisterung beinahe desertiert. Aber wir waren auch neugierig. Und weil A. eine versierte Originalverpackungswiederverschließerin ist, durften wir alle einmal an dem Flacon im klassischen Pseudoedeldesign schnüffeln. Vanille. Schwer. Schwülstig. Dick. M. war begeistert. Aber das wäre er auch bei Pferdepisse oder Ringerachselschweiß gewesen. Aber A. und ich waren irgendwie beruhigt: Wenn Teenager heute so röchen, wären wir beide gleich dreimal froh, dieses Alter hinter uns gelassen zu haben, erklärten wir M. Der war beleidigt, steckte die Flasche ein und ging seine Kaserne hüten.

Seither haben wir M. alle drei Tage gefragt, ob er eh noch mit seiner Freundin zusammen sei. Weil wir wahnsinnig neugierig sind. Morgen wird M. das Parfum überreichen. Leider werden wir nicht dabei sein – aber wenn die junge Dame auch nur einen Funken Fein- oder Taktgefühl hat, wird sie sich das Lachen verkneifen und so tun, als habe M. für sie gerade eine ganze Armee in die Flucht geschlagen. Dann wird sie das Parfum dezent verschwinden lassen. Weil sogar 16-jährige Mädchen wissen sollten, dass verliebte Buben den Duft den sie sich auftragen, nie erkennen können – und ihn trotzdem in jedem Fall großartig finden.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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