Scharfer Kulturkampf um zwei Ikonen

13. März 2006, 12:25
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Religiöse Gefühle, Medien- und Gewissensfreiheit: Aktuelle Fälle im katholischen Europa

Seit den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, die einen Rechtsruck brachten, hat sich in Polen die Debatte um die Verletzung religiöser Gefühle durch Medien und Kunstwerke verschärft. Und es gibt auch bereits erfolgreiche Boykottaufrufe.

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"Wir sind entsetzt darüber, dass das Gnadenbild der Muttergottes von Jasna Góra zu kommerziellen Werbezwecken benutzt wird", schreiben die Pauliner-Mönche des Klosters (zu deutsch: Heller Berg) auf der Internetseite ihres Klosters. "Diese Reklamekampagne ist eine Sünde, sie ist ethisch hässlich." Grund der Aufregung ist der Madonna-Titel der Musikzeitschrift Machina. Die berühmte Ikone der Schwarzen Madonna von Tschenstochau zeigt in der Machina-Version ein geradezu engelsgleiches Gesicht der Sängerin Madonna und statt des Jesuskindes Madonnas Tochter Lourdes.

Das Wortspiel "Madonna z Lourdes" auf dem Titel funktioniert nur im Polnischen. Denn es bedeutet zum einen "Madonna mit Lourdes", womit die Sängerin und ihre Tochter gemeint sind, zum anderen aber auch "Madonna aus Lourdes", womit die Redaktion die geradezu "ikonenhafte" Verehrung von Stars in der Musikbrache kritisiert.

Karikaturenstreit

"Die aktuellen Ereignisse in der Welt zeigen, wohin der Missbrauch religiöser Bilder und Symbole führen kann", spielen die Mönche auf den Karikaturenstreit um den Propheten Mohammed an. "Im Kontext dieser Ereignisse empfinden wir diese Reklame als Provokation, da sie die religiösen Gefühle vieler Staatsbürger Polens beleidigt."

"Entsetzt" über den angeblichen Missbrauch der Ikone sind aber auch radikale Katholiken, die nun zum Boykott der Zeitschrift und der dort werbenden Firmen aufrufen. Auf ihrer Internetseite, die wie zum Hohn tolerancja.net heißt, veröffentlichten sie eine schwarze Liste von Firmen und Musterprotestbriefe: "Wenn Sie nicht versprechen, nie wieder bei Machina eine Anzeige zu schalten, werden wir und unsere Freunde ihre Produkte boykottieren!" Eingeknickt sind bereits Philips, der Handybetreiber Orange und Polens Telekom. Die Entschuldigungsbriefe der Firmen stehen auf der Website.

Machina-Chefredakteur Piotr Metz kann die Aufregung nicht verstehen. Seine Zeitung wolle mit der Fotomontage nicht religiöse Gefühle verletzen, sondern den quasireligiösen Kult um Popstars wie Madonna darstellen. "Wenn wir über die wirtschaftliche Ausbeutung der Muttergottes-Ikone sprechen, dann geschieht dies doch in erster Linie in Tschenstochau selbst, wo ein schwunghafter Souvenirhandel mit dem Bildnis der Muttergottes betrieben wird. Das sollte doch wohl erst recht Protest hervorrufen."

West als Christus

Christliche Szenen wie das letzte Abendmahl, die Kreuzigung und auch die Madonna mit Kind seien keine rein sakralen Bilder und Symbole mehr. Die Kunst wandle diese Motive seit Jahrhunderten ab. Das Titelbild der neuesten Nummer des Magazins Rolling Stone zeige den Musiker Kanye West als Christus.

Doch Polens Medienethikrat ließ sich von Metz' Argumentation nicht überzeugen. Das Titelbild sei "ein skandalöser Vorfall". Die Zeitschrift habe das "fünfte Prinzip der Ethikcharta der Medien verletzt - das Prinzip von Respekt und Toleranz". Auch Machina wird sich wohl demnächst vor einem polnischen Gericht wegen der "Beleidigung religiöser Gefühle von Katholiken" verantworten müssen. (DER STANDARD, Printausgabe 13.2.2006)

Von Gabriele Lesser aus Warschau

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Slowakei: Christliches Gewissen als politischer Faktor

  • Blatt des Anstoßes: Madonna mit Tochter Lourdes als Schwarze Madonna von Tschenstochau.
    foto: machina

    Blatt des Anstoßes: Madonna mit Tochter Lourdes als Schwarze Madonna von Tschenstochau.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Christlicher Hintergrund, konträre Ansichten: Die Regierung von Polens Premier Kazimierz Marcinkiewicz (li.) ist traditionell-katholisch geprägt, sein slowakischer Kollege Mikulás Dzurinda vertritt liberale Positionen (bei einem Treffen im Jänner in Bratislava).

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