Reportage: Noch immer nicht Yabadabadoo

11. Februar 2006, 17:58
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Besuch auf einer Fairtrade-Farm in Kenia: Was mit Fairtrade-Prämien passiert

Die Fahrt von Nairobi an den Naivasha-See dauert zwei Stunden. Die meisten Exportblumen Kenias wachsen rund um diesen See. Kenia ist Europas größter Blumenlieferant, aber die Blumenindustrie hat einen miserablen Ruf - auch in Kenias Medien. Seit Jahren wird über 12-Stunden-Schichten, Hungerlöhne und Gesundheitsgefahren durch ungeschütztes Versprühen hochgiftiger Pestizide berichtet. Die "Oserian Development Company" ist eine der wenigen Fairtrade-Farmen in Kenia und hat wohl aus diesem Grund seit dem vergangenen Jahr einen "Manager für ethischen Handel".

Zwischenhändler

Der 33-jährige Jurist Samson Lukoba, im dunklen Pullunder über weißem Hemd, erschüttert gleich mit der ersten Zahl die Vorstellung, die man vielleicht von Fairtrade haben könnte. Oserian hat mehr als 5000 Beschäftigte. Fairtrade - das klingt nach fairen Preisen für Kleinbauern, die fernab von den Handelszentren durchtriebenen Zwischenhändlern ausgeliefert sind, welche ihnen die wahren Marktpreise verheimlichen.

Aber wenn ein Großunternehmen wie Oserian im Namen von Fairtrade höhere Preise verlangt, zahlt der Konsument nicht dafür, dass eine ohnehin sehr profitable Firma ihre Arbeiter anständig behandelt, was sowieso ihre Pflicht ist?

Schutzkleidung

Hier kommt die Fairtrade-Prämie ins Spiel, erklärt Lukoba. "Die Blumen sind deshalb teurer", sagt er, "weil auf jeden verkauften Stiel eine Prämie von rund 10 Prozent geschlagen wird. Dieser Gewinn geht komplett zurück an Projekte für die Arbeiter. Sprich, nichts von dieser Prämie geht auf für Unterkunft, Schutzkleidung und medizinische Versorgung, Dinge, die in der Unternehmensverantwortung liegen.

Samson Lukoba führt, nein, fährt über das Gelände, das mit 8000 Hektar so groß ist wie zweimal der Attersee. Zwischen Nelkenfeldern und Gewächshäusern für die Rosen liegen weite unberührte Strecken. Sie dienen Zebras, Büffeln und Gazellen als Korridore zwischen dem nahen Hell's Gate Nationalpark und ihrer Wasserstelle, dem Naivasha-See.

In einem Hi-Tech-Gewächshaus, in dem ein Arbeiter mit Schutzhandschuhen Rosen mit Namen wie "Aqua Baby" und "Yabadabadoo" schneidet. In einem weiteren Gebäude, reinigen die so genannten Sprüher, jene Männer, die Pestizide verteilen, ihre Schutzanzüge und sich selbst nach jedem Einsatz. Hochgiftige Pflanzenschutzmittel wie Methylbromid hat Oserian ausrangiert.

Mindestens 58 Euro pro Monat

Der Rundgang führt weiter in eine Halle, wo Arbeiterinnen in grünen Kitteln und Kopftüchern an langen Tischen Rosen sortieren. Harriet Shitinda macht das seit zwei Jahren. Die 23-Jährige wohnt, wie die Mehrheit der Arbeiter, in einem Oserian-Haus, ihr Kind geht in den Oserian-Kindergarten.

46 Wochenstunden arbeitet sie, der Samstag ist frei. Was hält sie von Fairtrade? "Es gibt so viele gute Seiten. Ich mache jetzt einen Computerkurs und außerdem habe ich ein Haus für mich allein." Das hat allerdings nichts mit der Fairtrade-Prämie zu tun. Ein Gremium aus Arbeitern und Management hat entschieden, den Fairtrade-Gewinn für Weiterbildung zu verwenden. In Computer-, und Nähkursen hoffen seither viele auf einen Aufstieg am Arbeitsmarkt.

Mindestens 58 Euro bekommt eine Arbeiterin pro Monat, bei freier Unterkunft. Das ist wenig, liegt aber deutlich über dem gesetzlichen Minimum. Ethik-Manager Lukoba räumt ein, dass "es Bereiche gibt, wo wir uns weiter verbessern müssen."

Ein Beispiel ist der Mutterschutz. Frauen bei Oserian erhalten 78 Tage bezahlten Mutterschaftsurlaub, das ist zwar besser als das gesetzliche Minimum von fünf Wochen, liegt aber noch unter der Fairtrade-Forderung von drei Monaten.

Menschenrechtskommission

Trotzdem: Sogar Steve Ouma ist zufrieden. Er sitzt in Nairobi und arbeitet für die kenianische Menschenrechtskommission, die seit Jahren am lautesten die Arbeitsbedingungen auf den Blumenfarmen anprangert. "Man kann jetzt sagen, dass die großen Farmen bedeutende Fortschritte erzielt haben", sagt er. Trauriger Nachsatz: "Die kleinen Farmen haben noch einen weiten Weg vor sich." Ouma hält Fairtrade für ein gutes Modell, weil es sicherstellt, dass man nur Rosen verkauft, wenn man sauber ist und er weiß: " Schließlich gibt es dem Handel einen Mehrwert." (Album/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.2.2006)

Von Judith Reker
  • Blumenarbeiterin auf einer Fairtrade-Farm in
Kenia: Die großen Farmen haben bedeutende Fortschritte erzielt, die kleinen haben noch
einen weiten Weg vor sich.
    foto: fairtrade

    Blumenarbeiterin auf einer Fairtrade-Farm in Kenia: Die großen Farmen haben bedeutende Fortschritte erzielt, die kleinen haben noch einen weiten Weg vor sich.

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