Ein Lesezeichen für Preseren

31. Juli 2006, 10:18
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Literarisches Fallschirmspringen, Jugendstil und Gefängniszellen in Ljubljana

Im Winter wärmen Kulturerfahrungen. Schön also, dass die Menschen in Ljubljana ihren "Tag der Kultur" im Februar ansetzen. Am 8. des Monats im Jahr 1849 starb nämlich France Preseren, seines Zeichens Romantiker, Sprachmodernisierer und größter Schriftsteller des kleinen Landes. Ljubljana feiert dieses Wochenende den Todestag mit freien Museumseintritten, einer Reihe von Konzerten und Lesungen. Die letzte am 14. 2. sogar in Verbindung mit Fallschirmspringen und musikalischen Performances.

In der Liste der potenziellen Kurztripziele steht die Stadt zu Unrecht noch eher auf einem hinteren Platz. Kaum zu verstehen, denn hier ist eine Freude, was in etablierten Touristenstädten vielleicht gemieden wird: Sich mitten im Stadtzentrum ins Kaffeehaus zu "picken", um - natürlich zwischen den Museums- und Konzertbesuchen - Zeit zu vertrödeln und die Langsamkeit zu genießen.

Wer die Reise bis in den Frühling hinauszögert, dem steht noch dazu ein Universum an Gastgärten zwischen den Jugendstilbauten des Otto-Wagner Schülers Joze Plecnik (1872-1957) und den zahlreichen Barockbauten in der Altstadt zur Verfügung. Die winterliche Alternative zum Spaziergang findet man in der Ausstellung "Art Nouveau in Progress" im Slowenischen Nationalmuseum: Die Wanderausstellung thematisiert auf 14 europäischen Stationen das Jugendstilerbe dieser Städte und - was noch interessanter ist - jene Entwürfe, die dort nie realisiert wurden. In Ljubljana gastiert sie noch bis zum 18. März.

Müßiggang zum Schlossberg

Am Fuß des Schlossberges, um den sich die Ljubjanica windet, reihen sich die Cafés und Restaurants, Traditions-und Touristenlokale, stilvoll, bodenständig, kitschig, modern, bequem - das passende Lokal zu suchen, ist mindestens die gleiche Herausforderung wie der Anstieg zum Schloss. Wer seinen Platz gefunden hat, zufrieden ist, Blick auf den Fluss hat, sollte der Muße und der Muse Raum geben: Bücher lesen funktioniert hier wunderbar, welche schreiben - wie im Fall von Preseren - offensichtlich auch.

Wer noch mehr Ruhe sucht, sollte einen Abstecher auf den Friedhof ale machen. Auch hier war Plecnik der Planer, einige Grabsteine schuf er sogar eigenhändig, auffallend sind die vielfältigen architektonischen Stile und Einflüsse: Von Erinnerungsstücken aus dem 19. Jahrhundert bis zu kommunistischen Großplastiken wurde hier alles zum Grabstein gemacht.

Gegen überschüssigen Tatendrang hilft ein Spaziergang durch den weitläufigen Tivoli-Park (der auch Austragungsort der Literatur-Fallschirmspringerei ist), wo man über das schöne Barockschlösschen "stolpert", in dem das Zeitgeschichte-Museum untergebracht ist. Es bricht sich jedenfalls kein Bein, wer die nicht besonders umfangreiche, aber gut aufbereitete Schau besucht. Das Haus ist ein guter Platz, um sich der historischen Verwobenheit Sloweniens und Österreichs noch einmal bewusst zu werden.

Wer weiß, wie lange die Stadt noch diese Gemütlichkeit ausstrahlen wird: Der Reiseführerverlag Lonely Planet etwa, der seit 1995 Slowenien-Guides herausgibt, führt im neu erschienen Titel "Lonely Planet Bluelist" - einer Auflistung der weltweit attraktivsten Tourismusdestinationen der nächsten Jahre - Ljubljana und Slowenien unter den zehn aufstrebendsten Destinationen an. Außerdem steht laut "Bluelist" das "Hippest Hostel" in Ljubljana: Die "Celica"-Jugendherberge entstand 2003 aus einem Militärgefängnis, die Zellen wurden von 80 Slowenischen Künstlern umgestaltet. Joze Pleznik hätte seine Freude gehabt. (Der Standard, Printausgabe 11./12.2.2006)

Von Alois Pumhösel

Info

Die 2er-Zelle im "Celica" kostet 22 Euro/5250 Tolar pro Person und Nacht.
Ljubljana

Lonely Planet/bluelist

Souhostel
  • Am Ufer der Ljubljanica
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    Am Ufer der Ljubljanica

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