Hotel Intersubjektiv

15. Februar 2006, 16:29
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Am Intercontinental Berchtesgaden scheiden sich die Geister

Trotzig steht es da, wenngleich nicht monumental. Es thront auf einer Hügelkuppe, auf dem Eckerbichl, und schmiegt sich doch in die Landschaft. Ein Hotel der obersten Kategorie, ein luftig-moderner Bau in Stein und Glas in einer spektakulär-schönen Landschaft. Und doch ist das Intercontinental Berchtesgaden alles andere als ein normales Hotel - auch wenn sich das Haus selbst diesen Anstrich geben möchte.

Das im vergangenen Jahr eröffnete Luxusresort steht nämlich an einem mehr als belasteten Ort: Hier, am Obersalzberg, war Hitlers zweite Machtzentrale, hier verbrachte er etwa ein Viertel seiner Regierungszeit. Unweit dem Ort, an dem jetzt die schicke Hotelanlage liegt, war der Berghof, hier inszenierte man den "privaten Hitler". "Schandmal in sonst reiner Landschaft" hat der Schriftsteller Klaus Mann bei einem Besuch nach Kriegsende den Obersalzberg genannt.

Dementsprechend groß war das mediale Echo als letztes Frühjahr das "Mountain Resort" eröffnet wurde. In Kürze wurde es zum "umstrittensten Hotel Deutschland", und noch heute steigt Jörg T. Böckeler, dem Generaldirektor des Hauses, die Zornesröte ins Gesicht, wenn man ihn auf das mediale Echo von damals anspricht: "Die Kritiker vergessen, was in den Jahren seit 1996 passiert ist." Damals zog die U.S. Army ab, die im so genannten Platterhof ein Armed Forces Recreation Center für ihre Soldaten und deren Angehörige, betrieb. Und der Freistaat Bayern fragte sich, was mit dem belasteten Ort und mit der vor sich hindümpelnden Ferienregion Berchtesgaden geschehen könnte.

Dokumentierter Luxus

Der ausgearbeitete Plan sah ein Zwei-Säulen-Konzept vor, die Errichtung einer Dokumentation über die Geschichte des Obersalzbergs (an der Stelle des ehemaligen Platterhofs) und seiner Verwicklung in die nationalsozialistische Diktatur und die Errichtung eines Luxushotels. Ersteres wurde 1999 verwirklicht, über 600.000 Besucher haben die umfangreiche Ausstellung bis heute gesehen. Bei Letzterem ließ man sich etwas Zeit.

Das Unternehmen war nämlich mehr als diffizil: Deutsche Betreiber wollte man nicht, viele internationale Ketten sagten ab, bei der Architektur des Hotels stellte man besondere Auflagen: "Weder protzig noch jodlerisch" durfte sie werden, und sie musste sich der Geschichte des Ortes bewusst sein.

Die Anlage der britischen Intercontinental-Gruppe, die schließlich den Zuschlag bekam, setzt denn ganz auf einen unpathetisch-nüchternen Stil: Im riesigen Foyer des Hotels samt offener Feuerstelle ist der Fernblick sogar durch Blenden behindert. Ansonsten ist die Architektur des Münchner Büro Kochta ganz auf den Blick auf Watzmann und Kehlstein ausgerichtet. Durch die Hufeisenform des Hauses ist beinahe ein 360 Grad Blick möglich. Im Inneren künstlich gealterte Lärche und spiegelnder Kunststoff, Marmor, Gneis und natürlich viel Glas. Alpenländische Heimattümelei sucht man vergebens, die Geweihe, die am Abgang zu den zwei Restaurants und dem Bayern-Stüberl (dem einzigen Zugeständnis an die Jodlerfraktion) zu finden sind, sind aus Aluminium.

Verlegenheitslösung

Eine ironische Pointe, die aber auch die Verlegenheit deutlich macht, mit der das mit jeglichem Luxus aufwartende Haus mit seiner Geschichte umgeht. So liegt neben der Bibel zwar in jedem Zimmer die 600-Seiten-Dokumentation über den Obersalzberg "Die tödliche Utopie", in der Hausbibliothek macht man aber um das Thema einen Bogen. "Wir wollen unsere Gäste nicht belästigen", so Böckeler, "wer Fragen hat, dem antworten wir gerne."

Viele sind es wohl nicht, die wegen der Geschichtsträchtigkeit des Ortes kommen. Hier regieren die Münchner Schickeria und der Starnberger Sparkassenvorstand auf Betriebsausflug, die russischen Skiurlauber und amerikanischen Salzburg-Touristen. Den Berchtesgadener Massentourismus, der in den 30ern mit den "Hitler-Wallfahrten" seinen Ausgang genommen hat, will man in Zukunft in eine andere Richtung lenken. Den Anschluss an den modernen Tourismus hat man in Berchtesgaden nämlich verschlafen: Der Landkreis hat mit Abwanderung und stark rückläufigen Übernachtungszahlen zu kämpfen.

Also setzt man auf die elitäre Tradition des Ferienorts und will an jene Zeiten anknüpfen, in denen Clara Schumann oder Sigmund Freud hier genächtigt haben. Exklusivität ist das Zauberwort: Die Suiten im Intercontinental Berchtesgaden sind denn zweistöckig, mit Kamin und bis zu vier Flachbildschirmen, das Essen im Nobelrestaurant Le Ciel bietet mediterrane Zehn-Gang-Speisenabfolgen, die Bar besitzt das größte Whiskey-Angebot Deutschlands und der Wellness-Bereich ist schlichtweg spektakulär.

Wohlfühlen wird einem hier leicht gemacht. Aber ob man gerade diesen Ort aussuchen muss, um die Seele baumeln zu lassen? "In Berlin", hat Hoteldirektor Böckeler darauf eine der möglichen Antworten "wohnen Sie auch im Adlon und denken nicht auf Schritt und Tritt an die Geschichte der Stadt." Andere Antworten auf die Frage gibt es natürlich auch. Letztendlich wird sie aber jeder für sich selbst entscheiden müssen. (Der Standard, Printausgabe 11./12.2.2006)

Von Stephan Hilpold

Info

Der 1400 Quadratmeter große "Mountain Spa" des Intercontinental Berchtesgaden ist das Schmuckstück des Hauses. Mit einer Reihe von Exklusiv-Treatments: In den kreisrunden La Prairie-Behandlungssuiten gibt es Kaviar-Behandlungen der Schweizer Luxusmarke, ein Highlight sind die Kosmetik-Rituale der australischen Naturkosmetikmarke Li'Tya.

Intercontinental
  • Das Intercontinental Hotel am Obersalzberg liegt exponiert: In der Landschaft und in der Geschichte
    foto: hotel intercontinental berchtesgaden

    Das Intercontinental Hotel am Obersalzberg liegt exponiert: In der Landschaft und in der Geschichte

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