Cartoons, Medien und der Ruf des Imam

10. Februar 2006, 19:21
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Ein Rückblick zeigt: Der Aufschaukelung des Konflikts wurde offenbar kräftig nachgeholfen - mit Grafik

Elleman Jensen war sich von Anfang nicht so sicher wie der dänische Premier Anders Fogh Rasmussen. Der frühere Außenminister bezeichnete Mitte Jänner, als der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen noch unter der Wahrnehmungsschwelle brodelte, die Veröffentlichung der Cartoons als eine "leicht pubertäre Provokation". Etwas Legitimes also, aber nichts, was man nicht auch kritisieren könnte. Die "leicht pubertäre Provokation" geriet bekanntlich zur schweren Krise: Zeit, den Konflikt zu rekonstruieren. Wie hat er begonnen, und wurde er angeheizt?

Die zwölf Karikaturen, die vom Kulturchef des Jyllands-Posten in Auftrag gegeben wurden, erschienen nicht nur am 30. September 2005, sondern mehrmals in der dänischen Zeitung. Trotzdem kam es wochenlang zu keinen Protesten. Am 19. Oktober formulierten elf Botschafter arabischer Länder einen Brief, in dem sie die Bestrafung der Karikaturisten forderten. Dass Rasmussen damals das Gespräch verweigerte, verstanden die Muslime als Provokation. Es vergingen aber weitere zwei Wochen, bis erstmals in Kopenhagen Demonstranten auf die Straße gingen.

Dänische Muslimgruppen suchen und finden auf einer Reise in den Nahen Osten Unterstützung. Religiöse Führer in Saudi-Arabien verlangen die Bestrafung der Zeitung. Die Politik zieht nach. Saudi-Arabien und Libyen ziehen Ende Jänner ihre Diplomaten aus Dänemark ab. Danach entsteht Dynamik. Am 31. Jänner verabschieden 17 arabische Staaten eine Resolution, der zufolge die Regierung in Kopenhagen die Karikaturisten "streng bestrafen" müsse. Am selben Tag zeigt der arabische Sender Al-Jazeera den in Dänemark lebenden Führer der Muslim-Bruderschaft Mohammed Fuad al-Barazi. Al-Barazi behauptet unter Tränen, in Dänemark plane man den Koran zu verbrennen. Ein Professor aus Katar bezeichnet die Karikaturen ebenfalls auf Al-Jazeera als eine "kreuzzüglerische Zionistenkampagne".

Erst dann wird im Gaza-Streifen das EU-Büro gestürmt. Der New York Times zufolge war auch eine Sitzung von 57 islamischen Staaten im Dezember in Mekka, bei der auch der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad anwesend war, entscheidend. Nach der Konferenz sei die Empörung vor allem auf Regierungsebene in Ländern wie Syrien und dem Iran stärker geworden, so die New York Times. Und die Medien hätten dadurch vermehrt berichtet.

In einigen Ländern versuchten sich Regierung und Opposition mittels der Karikaturen-Proteste auch zu profilieren. Nach dem Motto: Wer den Propheten vehementer verteidigt, kommt besser weg. Und Islamisten spielt der Konflikt ohnehin in die Hände.

"Tod Dänemark"

Aus europäischer Perspektive schienen arabische Städte von Demonstranten lahm gelegt zu werden. Bilder von Männern, die "Tod Dänemark" schrien und Fahnen verbrannten, kamen über die Bildschirme. Ein anderer Teil der Wirklichkeit ist, dass viele Einwohner, etwa in Teheran, von den Protesten gar nichts mitbekamen. Der vorläufig letzte Schritt in der Dynamik der Aufregung fand wiederum in Dänemark statt. Nach seinem Vorschlag, Holocaust-Karikaturen abzudrucken, wurde der Kulturchef von Jyllands-Posten beurlaubt. Das Argument der Chefredaktion: Niemand könne nachvollziehen, welcher Druck auf ihm laste. (Adelheid Wölfl´, DER STANDARD, Print, 11./12.2.2006)

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