Ein Lüstertanz im Slum

12. Februar 2006, 20:21
posten

Der Performancekünstler Steven Cohen im Project Space der Kunsthalle Wien

Wien - Der Performancekünstler Steven Cohen trägt unter seiner Nacktheit Kleider, die tief in seinen Körper reichen: als weißer, homosexueller Jude, der aus Johannesburg stammt. Auf den ersten Blick ähnelt bei Dancing Inside Out die Inszenierung seines Kunstkörpers einer Verkleidung vom "Life Ball": bemalter Glatzkopf, schwarz glänzende Korsage und überdimensionierte Plateau-Highheels im Leopardenstil.

Einige Elemente allerdings irritieren den dekorativen Drag-Glamour. Ein Davidstern auf seiner Stirn, ein "Judenstern" auf seinem Geschlecht - plakativ an ein Verständnis von Radikalität erinnernd, das den Zeitgeist der Achtzigerjahre bestimmte. Der 44-Jährige versteht unter Kunst die Inszenierung seiner selbst als politische Intervention. Er betritt mit Vorliebe Terrains, die wohl gefährlicher sind als der "Glass Cube" des Project Space.

So zeigt ihn dort auch sein Video Chandelier, wie er, als klimpernder Lüster verkleidet, in einem Elendsviertel von Johannesburg inmitten teils faszinierter, teils aufgebrachter Slumbewohner stakst. Im geschützten Kunstraum wird der politische Diskurs zum Gefahrenbereich. Aus Lautsprecherboxen quäkt Hitlers Stimme eine Hetzrede gegen das Judentum, während Cohen seinen Körper mit zwei phallischen Miniaturkameras untersucht. Eine Direktübertragung: Wie ein Penis stößt sein Gaumenzäpfchen in Richtung Linse, im Mastdarm des Künstlers flackern unheimliche Schatten.

Gerade weil sich das Verständnis von radikaler Kunst heute verändert hat, wird, was als Aufreger angekündigt ist, anders lesbar. Die Inszenierung der Figur und die Bilder aus dem Medium Körper verweisen eher auf die Diskursdominanz des Fernsehens und den spekulativen Dokumentationseifer diverser Sender. Radikalismus ist heute eher Angelegenheit der politischen als der künstlerischen Praxis.

Vor dem Hintergrund einer angekündigten Verlinkung von Islamisten und Neonazis mit dem Ziel, den Holocaust "neu zu diskutieren" sowie des Karikaturenkonflikts erhält auch das Wort Provokation ein anderes Gewicht, und Cohens Arbeiten erscheinen in diesem Zusammenhang als Formeln des Geschichtlichen, die bei der Berechnung der Gegenwart nützlich sein könnten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2006)

Von Helmut Ploebst

Bis 16.2., 19.30

  • Performancekünstler Steven Cohen sieht Kunst als politische Intervention mittels Inszenierung seiner selbst.
    foto: greber

    Performancekünstler Steven Cohen sieht Kunst als politische Intervention mittels Inszenierung seiner selbst.

Share if you care.