Das Sesselrücken geht weiter

13. März 2006, 08:47
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Ein gutes Jahr nach dem operativen Start der ÖBB-Reform ist der Bedarf an "Optimie­rungen" groß. Gleich bleibt nur das Finanzloch

Wien – Nach der Entsendung von ÖBB-Holding-Finanzchef Erich Söllinger in die Absatzgesellschaften für Personen- und Güterverkehr stehen bei der ÖBB weitere personelle Weichenstellungen an. Auch sie sind temporär angelegt, wie Aufsichtsratspräsident Wolfgang Reithofer versichert, und sollen die Schnittstellen zwischen den seit der Bahnreform getrennt agierenden vier operativen Gesellschaften von Absatz und Infrastruktur optimieren.

Aneinander gekuppelt werden nach Personenverkehr und Rail Cargo Austria (RCA) nun Infrastruktur Betrieb AG und Bau AG: "Missing Link" ist Infra-Betrieb-Vorstand Alfred Zimmermann. Er wird, die Zustimmung seines Aufsichtsrats in der Sitzung nächste Woche vorausgesetzt, zum vierten Vorstand der Infra-Bau-AG berufen.

Der Hintergrund dieser vorübergehenden Aufstockung des Bau-Dreiervorstands rund um Gilbert Trattner ist allerdings ein tragischer; Zimmermann soll die krankheitsbedingte Vakanz von Bau-Vorstand Thomas Thüringer wenigstens ansatzweise ausgleichen, indem Planung & Engineering sowie Baudienste eine personelle Schnittstelle bekommen, erfuhr der STANDARD aus hohen ÖBB-Kreisen.

Optimierungsbedarf

"Optimierungsbedarf" bestehe außerdem beim Einkauf, im Baudienst und beim Personal – womit wieder die Problematik der 5000 bis 8000 ÖBB-Bauarbeiter auf dem Tisch liegt, die in der Betrieb AG angestellt, aber teilweise in der Bau AG beschäftigt sind.

Nicht temporär ist eine in der Rail Cargo Austria (RCA) anstehende Veränderung: Der Ende Juni auslaufende Vertrag von RCA-Chef Ferdinand Schmidt soll nicht verlängert werden. Offiziell beschlossen ist diesbezüglich noch nichts, der Posten ist auch noch nicht ausgeschrieben. Dass die Bahn-Führung nach einem Vertriebsprofi Ausschau hält, der den – nicht nur wegen des Wegfalls des Transitvertrags samt Ökopunkten – unter Druck geratenen Güterverkehr wieder in Schwung bringt, hat sich am Markt aber bereits wie ein Lauffeuer verbreitet.

Bund will Beiträge nicht vertraglich zusichern

Evident ist auch, dass der Holding-Aufsichtsrat den Mittelfristplan nicht beschlossen hat. Formal liegt das daran, dass die operativen Gesellschaften ihre Mittelfrist-Pläne noch nicht verabschiedet haben. Der Hauptgrund liegt allerdings beim Bund, der will seine Kostenbeiträge nicht vertraglich zusichern. Angesichts des von Finanzminister Karl-Heinz Grasser für 2008 geplanten Nulldefizits im Bundeshaushalt ist die dem Aufsichtsrat vorgelegte Mittelfristplanung des ÖBB-Konzerns vermutlich bereits Makulatur, sieht diese doch für den Neubau (§43 ÖBB-Gesetz) allein 2007 Zuschüsse in Höhe von 200 Millionen Euro vor. 2008 sind es bereits 400 Mio., 2009: 600 Mio., 2010 und 2011 je 800 Mio. Euro.

Dagegen scheinen die Bundeszuschüsse für gemeinwirtschaftliche Leistungen in Personenverkehr und RCA geradezu realistisch: Erstere steigen von 471 Mio. Euro im Jahr 2007 auf 550 Mio. Euro im Jahr 2011, während sie sich im Kombigüterverkehr nur von 94 auf 99 Mio. Euro erhöhen. Konstant bleiben sie mit jährlich 1,014 Mrd. Euro – zumindest auf dem Papier – im Bahnbetrieb. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2006)

Kommentar:

Zug fährt ab
  • Sorgt bei Fahrgästen und Opposition für Ärger: Die S-Bahn. Bund, Länder und ÖBB grübeln, weil das Geld nicht reicht.
    foto: standard/corn

    Sorgt bei Fahrgästen und Opposition für Ärger: Die S-Bahn. Bund, Länder und ÖBB grübeln, weil das Geld nicht reicht.

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