Das System stürzt ab

17. Februar 2006, 22:09
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"Landleben", John Updikes neuer Roman über Sexualität und Computertechnik

Eine recht wenig benutzte Maßeinheit zur Beurteilung von Texten ist deren Narrativität. Ein Satz kann einen niedrigen Grad an Narrativität haben, wie etwa: Die Katze liegt in ihrem Körbchen. Oder aber einen hohen: Die Katze sitzt vor der Hundehütte. Es sind üblicherweise Konstellationen wie letztere, die den Erfolg fiktionaler Texte begründen. Aussagen, wie Menschen leben und sterben, werden wohl kaum Grundlage eines erfolgreichen literarischen Texts sein. Außer bei John Updike.

In seinem neuen Roman stirbt Phyllis, die erste Frau des Protagonisten Owen Mackenzie, durch einen Autounfall auf der Fahrt zum Scheidungsanwalt. Selbstmord aus Verzweiflung? Vermutlich nicht. Sie hatte vor, dem Anwalt den Verhandlungsauftrag zu entziehen, da sie sich entschieden hatte, um ihre Ehe zu kämpfen. Sonst passiert wenig. Wir erfahren vom nie vollendeten Erwachsenwerden der Hauptfigur, seinen verschiedenen Affären und, damit vage verbunden, von der Entwicklung des Computers seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine extreme Handlungsökonomie beherrscht die vierhundert Seiten dieses Romans. Es geschieht nichts Nennenswertes, aber genau das ist das atemberaubende Thema des neuen Updike, der es wieder einmal schafft, menschliche Banalität zum Zentrum eines Kleinstadtepos zu machen.

Im Schlüsseljahr 1968 hatte Updike seinen sensationellen Roman Ehepaare publiziert, der – angesiedelt auf den Cocktailpartys quasiliberaler neuenglischer Vorstädte der Kennedyjahre – den organisierten Ehebruch thematisierte. In seiner retrospektiven Haltung bezieht sich Landleben deutlich auf dieses Milieu und im Grunde auch auf dieses Buch. Die vor allem sexuellen Erlebnisse, über die der siebzigjährige Owen sinniert und denen er nachträumt, sind jene Piet Hanemas aus dem früheren Buch. Beide stammen aus ländlichen Verhältnissen, und für beide sind die Kleinstädte Neuenglands, in die sie aufsteigen, "ein Institut für Mittelschichtsbildung", wie es in Landleben sehr ernsthaft heißt. (Weshalb die deutsche Übersetzung des Romantitels zwar vielleicht wohlklingend ist, aber in die Irre führt. Die Villages des englischen Originals sind Kleinstädte.)

Aber wenn die Serie von Owens sexuellen Lernschritten und Ehebrüchen auch identisch mit dem Roman der Sechzigerjahre sein mag und quantitativ etwa 90 Prozent des Texts ausmacht, so geht es bei dem neuen Roman nun doch vor allem um die Retrospektive, um Aufarbeitung und Bewertung des Vorgefallenen durch ein siebzigjähriges Bewusstsein, das deutliche Zeichen beginnender Senilität trägt. Die wilden Assoziationsketten des Protagonisten sind möglicherweise sprachliche Beiträge eines Genres, dessen Entstehung schon seit Langem zu erwarten steht: des geriatrischen Romans.

Hier zeigt sich jedoch das von der Updike-Kritik immer wieder thematisierte Grundproblem seiner Texte: die Diskrepanz zwischen der hochreflektierten und anspruchsvollen Sprache eines meisterhaften Stilisten und einem mittelmäßigen Protagonisten, der weder mit dem Reflexionsniveau noch mit der Brillanz der Updikeschen Sprache ausgestattet sein kann. Wer, so fragt man sich, spricht hier eigentlich? Owen Mackenzie, ein halbgebildeter ehemaliger Computerfachmann mit kreativen Anwandlungen, reflektiert zwar über seine verlorene Vergangenheit, die in die nur oberflächlich zufrieden stellende Gegenwart hinein ragt, man traut ihm die vielen provozierenden Einsichten, die das Buch seinem Leser vermittelt, aber in keiner Weise zu.

Daran tut man auch recht, denn in Updikes Romanen geht es nicht um die literarische Evaluation skurriler Persönlichkeiten, sondern um eine kulturkritische Bestandsaufnahme Amerikas und der westlichen "Zivilisation". Wie in der berühmten Rabbit-Serie ist es gerade die brillante sprachliche Darstellung der traurigen Mittelmäßigkeit der Protagonisten und ihres Kleinstadtlebens, aus dem sich die Einsicht in den "hungrigen Abgrund, der sich unter der sonnigen, täglichen Oberfläche der Dinge auftut", ergibt. Der Erzähler, der in diesem Buch manchmal eine fast ungebührlich wertende Haltung einnimmt, kritisiert diese Welt, verweist jedoch auch auf ihre Möglichkeiten.

Dass Sexualität dabei eine überragende Bedeutung einnimmt, überrascht bei Updike niemanden. Aber Landleben ist auch "politischer" als frühere Romane; die Details des Bildungserlebnisses des Protagonisten verschränken sich mit der Geschichte des Landes und seiner Präsidenten.

Der retrospektive Blick evaluiert die Welt der Fünfziger, Sechziger und Siebziger vor dem Hintergrund weltumstürzender Entwicklungen und Ereignisse wie Aids, Globalisierung, 9/11. Auch wenn diese nur in Nebensätzen vorkommen, verweisen sie doch sehr deutlich auf die Differenz zwischen dem Nachkriegsamerika und dem Jetzt. Die Grenze zwischen diesen Perioden sind offensichtlich die kulturrevolutionären Sechziger, als deren Aufarbeitung und Bewertung man den Roman auch lesen kann.

Ein Motor dieser Entwicklung ist scheinbar der rasante Fortschritt der elektronischen Datenverarbeitung seit dem Zweiten Weltkrieg. Updike nimmt damit sehr kenntnisreich ein Thema auf, das er bereits in seinem vor genau zwanzig Jahren erschienenem Roman Das Gottesprogramm. Rogers Version verarbeitet hatte. Owen Mackenzie, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) studiert hat, beginnt seine Karriere in der Informationstechnik bei der Armee, heuert dann bei IBM an, macht sich danach mit einem Partner selbstständig und verkauft seine Firma rechtzeitig vor der Massenverbreitung des PC an Apple.

Auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs sah für ihn "alles, jede Backsteinecke und jeder schiefe Schatten eines Straßenschilds, wie ein Problem aus, das auf einen Programmierungscode reduziert werden musste." Diese Reduktion, so wird ihm klar, ereilt ihn jedoch sehr schnell auch selbst. Die noch solide Mittelschicht der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre wird durch die der Entwicklung der Informationstechnik folgende enorme Rationalisierungswelle enorm erschüttert. Einige, wie Owen, schaffen den Ausstieg und leben von den Zinsen. Insgesamt jedoch erweist sich "Silicon Valley" als Kraft, die der Mittelklasse, in die sich Owen mühsam hinauf gearbeitet hat, technisch und materiell die Basis entzieht. Ihre Angehörigen schaufeln sehr real das Grab ihrer eigenen Klasse.

In der trostlosen Gesamtbilanz werden die beiden Bereiche, Sexualität und Computer, auf sehr Updikesche Weise verbunden: "Sogar seine Versuche zu masturbieren versickern; vor seinem inneren Auge lässt er die Bilder des feuchten, wissenden Versinkens, die grotesken Stellungen der Unterwerfung ablaufen, aber wenn er fast da ist, es beinahe in der Hand hat, entgleitet ihm plötzlich die Hitze oder die Erregung oder was immer es ist. Die auslösende Mixtur aus primitiver Mechanik und gefühlsmäßiger Illusion löst sich auf. Das Geheimnis flieht. Das System stürzt ab."

Leider wurde der Roman nicht von der erprobten Updike-Übersetzerin Maria Carlsson übertragen, was sich streckenweise (und auch in einer Reihe von Details) deutlich bemerkbar macht, er ist jedoch in beiden Sprachen ein grandioses Werk. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2006)

Von Walter Grünzweig
  • John Updike, "Landleben". Roman. 
 
Deutsch von Susanne Höbel und Helmut 
 
Frielinghaus. Euro 20,50. 416 Seiten.
 
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006
    foto: rowohlt

    John Updike, "Landleben". Roman. Deutsch von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus. Euro 20,50. 416 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006

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