Von grauen Wölfen und explodierenden Autos

17. Februar 2006, 22:09
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Neue Romane von James Siegel, Karin Alvtegen, Ulrich Ritzel und Bernhard Salomon

Graue Wölfe

US-Autor James Siegel ist der Erfinder der neuen Sparte "Geriatrischer Krimi". Aber im Ernst: "Verschollen" (Deutsch von Axel Merz, Euro 8,20, Bastei Lübbe) ist ein vorzüglicher Text, abseits von allen eingefahrenen Wegen und wirklich packend. Der Held, mit dem wir es zu tun kriegen, ist über siebzig, nicht mehr sehr fit auf den Beinen, dafür noch hell im Hirn. Als William erfährt, dass sein einstiger Partner im New Yorker Detektivbüro anscheinend mitten in einem "Fall" gestorben ist, setzt er sich mit abgelaufenem Führerschein und einer absurden Namensliste auf die Spur des toten Kollegen. Der war ein sehr spezieller Mensch. Jean Goldblum, der Holocaust-Überlebende, hat nie über seine Erlebnisse gesprochen, und erst nach dem grauenvollen Finale versteht William, warum. Siegel verwendet einen durchaus herkömmlichen Plot, entwickelt die dramatischen Ereignisse aber mit der Gemächlichkeit eines alten Mannes – ein heilsamer Perspektivenwechsel: nachdenken statt dreinschlagen.

Beschädigte Psyche

Zwei Frauen, die sich jede auf ihre Art mit der Last einer Schuld herumschleppen, die sie niemandem offenbaren können, stehen im Mittelpunkt von Karin Alvtegens Roman "Scham" (Deutsch: Dagmar Lendt, Euro 20,50, Wunderlich). Die Ärztin Monika leidet ihr Leben lang daran, dass sie ihren Bruder nicht aus einem brennenden Haus gerettet hat. Sie ist überzeugt davon, nichts wert zu sein, und schon gar nicht der Liebe würdig, die ihr Freund ihr entgegenbringt. Maj-Britt hingegen ist durch den widerwärtigen Psychoterror einer christlichen Fundi-Sekte dermaßen beschädigt, dass sie sich seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung verschanzt. Sie kann sich fast nicht mehr bewegen, weil sie monströs fett geworden ist. Die Hartnäckigkeit einer Hauskrankenhilfe bringt die beiden Frauen in Kontakt. Diese Begegnung entwickelt eine ungeahnte Eigendynamik, wobei bis zum Schluss offen bleibt, ob es sich um eine Katastrophe oder um eine Rettung handelt: mitreißend!

Beschäftigte Spießer

Im beschaulichen Ulm stirbt eine alte Frau, sie geht niemandem ab, und als man sie findet, ist sie bereits mumifiziert. Ein natürlicher Tod, kein Anlass für die Kripo aktiv zu werden. Allerdings nimmt sich ein pensionierter Ermittler die Zeit, in den Büchern der Toten zu stöbern und findet das Tagebuch des Sohnes. Der war Jahre zuvor einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht zum Opfer gefallen. Die Notizen des jungen Mannes handeln vom durchaus nicht konfliktfreien Leben in einer Clique von jungen Leuten und wecken bald den Verdacht, dass der Unfall ein gezielter Mordanschlag gewesen sein dürfte. Ulrich Ritzel kann gnadenlos detailliert erzählen. Mit feiner Ironie schildert er das Treiben seiner politisch furchtbar korrekten, nichtsdestotrotz spießigen Mitbürger, die sich von Herumtreibern zu honorigen Mitgliedern der Gesellschaft gemausert haben und nun keinesfalls mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden wollen. ("Uferwald", Euro 20,60, BTB).

Explodierende Autos

Der Wiener Chefinspektor Damian Bergmann ist prinzipiell genial aber keiner, den man zum Vorgesetzten haben möchte. Grantig und ungerecht, depressiv ob des ekligen Winterwetters, hat er den verrückten Zuhälter, der behauptet, seine Freundin umgebracht zu haben, gerade noch gebraucht. Als ein windiger Detektiv in Kaisermühlen mitsamt seinem Auto in die Luft fliegt, ergeben sich Verbindungen zu einer großen Lebensmittelkette. Dort herrscht ein richtig gutes Betriebsklima voller Intrigen und Erpressungen. Bergmann ist aber nicht der einzige, der sich für die Firma interessiert. Albin Fischer, ein junger, ehrgeiziger Reporter ist dem Chefinspektor ständig ein paar Stunden voraus. Als sich Bergmann mit Fischer im Griensteidl trifft, explodiert derweil das Auto des Journalisten. Jetzt ist aber wirklich die Wiener Gemütlichkeit in Gefahr ... Bernhard Salomons zweiter Krimi "Der zweite Mann" (Euro 8,20, Ullstein), ein "Heimatroman", der Spaß macht. (i.s. / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2006)

  • "Der zweite Mann"
von Bernhard Salomon
    foto: ullstein

    "Der zweite Mann" von Bernhard Salomon

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