Freigeist auf musikalischer Forschungsreise

6. Juni 2006, 18:33
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Musikwissenschafter Gernot Gruber ist nicht nur heuer als Mozart-Spezialist gefragt

"Ich bin nicht nur ein Fan von Wolfgang Amadeus Mozart." Der Jubilar, der vor 250 Jahren zur Welt kam, und dessen Werke zählen zwar zu seinem Spezialgebiet, erzählt Gernot Gruber, aber festnageln lassen will er sich nicht. Und das wohl in jeder Hinsicht.

Wagner beengte

Der 1995 nach Wien gerufene Universitätsprofessor für Historische Musikwissenschaft gondelt seit Jahren von Wien über Salzburg nach München oder Graz, wo er seine Jugend verbrachte und über Umwege zum Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik kam. Musikbegeistert war er schon immer, trotzdem startete er sein Studentenleben im weißen Ärztemantel, den er jedoch schon sehr bald gegen einen Dirigentenstab eintauschte.

"Kapellmeister – diesen Beruf wollte ich ursprünglich einmal ausüben", erzählt der Musikhistoriker über seinen ehemaligen Jugendtraum und die lehrreichen Erfahrungen mit Förderer und Vorbild Maximilian Kojetinski bei den Bayreuther Festspielen. Die anfängliche Begeisterung für Richard Wagners Musik verlor sich jedoch allmählich. Ihr vereinnahmender dramatischer Charakter beengte den freiheitsliebenden Grazer – er fühlt sich als solcher, auch wenn er seit seinem 30. Lebensjahr nicht mehr in dieser Stadt wohnt – so sehr, dass er sich mehr und mehr kompositorischen Klängen zuwandte, die ganz und gar das Gegenteil verkörperten: die universelle Musik Mozarts.

"Mozart-Effekt"

Alle Partituren und Briefe dieses Musikgenies will der anerkannte Mozart-Forscher, der im vergangenen Jahr auch zum "wirklichen Mitglied" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde, schon gelesen haben. Neben der jahrelangen Forschung und Neuinterpretation von Mozarts Musik und Leben widmet sich Gernot Gruber vor allem auch dem Rezeptionsphänomen des Komponisten. So enthält das von ihm und Joachim Brügge kürzlich herausgegebene Mozart-Lexikon nicht nur Artikel über die Wirkungsgeschichte auf die Bildende Kunst oder Literatur.

Man erfährt sogar Interessantes über die Mozartkugeln und die Vermarktung Mozarts im Salzburg-Tourismus. Auch der Begriff des Mozart-Effektes, das ein unmittelbar nach dem Hören von Mozarts Musik eintretendes kognitives Phänomen bezeichnet, ist im ersten Band des insgesamt sechsteiligen Mozart-Handbuch zu finden. Auf seine Ende 2005 im Beck-Verlag erschienene Publikation Wolfgang Amadeus Mozart ist Gruber besonders stolz. In dieser zweiten überarbeiteten Auflage stellt er Leben, Werk und Wirkung des Komponisten in einer kompakten und verständlichen Form dar.

Alleine Gipfel erklimmen

Kurz und bündig ist auch sein Zukunftsprojekt: Auf nur 250 Seiten will Gruber die europäische Musikgeschichte methodenkritisch aufbereiten. Freizeit hat der Vater dreier Kinder, der seit 2003 auch Mitglied des Universitätsrats des Salzburger Mozarteums ist, wenig: Wenn er sie nicht im Zug verbringt – denn der Großteil seiner Familie wohnt in München – dann auf dem malerischen Bergmassiv der Ramsau, wo er am liebsten ganz alleine die Gipfel erklimmt und Ideen zu neuen Entdeckungsreisen durch die Musikgeschichte sammelt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.2.2006)

Von Claudia Stadler
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    Gernot Gruber

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