Patricia Highsmith: "Venedig kann sehr kalt sein"

9. Februar 2006, 19:54
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Ein Atemhauch am Markusplatz: Bespitzeln nach den Gesetzen einer wahnhaften Choreografie

"Er betrat das riesige Rechteck des Platzes. In seinen Ohren hallte der weite Raum wie ein 'Aaahh', wie das endlose Ausatmen eines Geistes." Wer in Highsmiths Roman Atmosphärisches sucht, gar venezianisches Flair, muss sich mit dieser einzigartigen Schilderung des Platzes vor San Marco begnügen. Zwar wird der Leser überreich durch die Nennung der berühmtesten Hotels und Schauplätze aus der touristischen Requisitenkammer versorgt, aber das sind obligatorische Nachweise für die Forschungen der Autorin vor Ort. Die Topografie der Stadt erscheint, im Kontrast zu ihrem beflügelnden oder schmalzigen Image, rigoros als das, was Highsmith an ihr interessiert: ein verbürgtes, objektiv stabiles System, in dem sich zwei zur wechselseitigen Ermordung entschlossene Männer nach den Gesetzen einer wahnhaften Choreografie bespitzeln.

Dabei funktionieren die Betätigungen der handelnden Personen und ihrer Freunde wie das lokale Namedropping. Die Automatik von Ausgehen und Einkehren dieser Bessergestellten, ihr Mantelan- und Bademantelausziehen, ihr Bloody-Mary-Ordern, das ganze L'art pour l'art der gesellschaftlichen Verrichtung von Müßiggängern spendet, da es keinen weiteren Sinn zu geben scheint, auch dem Leser mondäne Gemütlichkeit, außerhalb derer das schiere Nichts droht. Das tragische Ende einer Ehe ist der Auftakt zu einem verwirrenden Katz-und-Maus-Spiel. Selbst die freiwillig aus dem Leben geschiedene Peggy, Tochter von Coleman, Ehefrau von Ray und Grund für die Fixiertheit der beiden einerseits von Rachsucht, andererseits von Rechtfertigungssucht getriebenen Männer, bleibt lange Zeit geheimnisvoll zentrale Leerzone des Romans. So weit zum Unklassischen - alles andere jedoch ist überaus klassisch. Etwa die exakt abgestimmte Gegenpoligkeit im Temperament der Männer - stark, unbeherrscht der Schwiegervater, schwach, zögernd der Ehemann - und konterkarierend die Parallelität ihrer Schicksale, beider Abstieg aus dem Areal verwöhnter Amerikaner in Anonymität und Armut der Einheimischen Venedigs.

Doch es ist Peggy, die die höchst wirksame Hintergrundgestalt des Buches und seines verbissenen Lauerns ist, seine, nun also doch, "Seele", nach der Coleman wütend verlangt. Und um die Ray sich nie bemüht hat - nur langsam dämmert dem jungen Ehemann der Zusammenhang zwischen Peggys sexueller Unersättlichkeit und ihrer Unzufriedenheit mit der Sexualität, mit den Angeboten der Welt generell. Und sehr unterschwellig hält die Metaphysik, halten Begriffe wie "Minne" und "mea culpa" Einzug in die harmlose Dinglichkeit seiner Weltvorstellung.

Das zum Schluss noch mal - und jetzt wohl verständiger - gehörte "Aahh" des Markusplatzes gibt Ray "kurz das Gefühl, kleiner zu sein, dann aber irgendwie neue Energie".

Mit nichts hätte uns Patricia Highsmith im Regelwerk der so elegant geschilderten Lebensvollzüge pointierter, kühner überraschen können als mit jenem "Ausatmen eines Geistes", das wir eventuell Seele nennen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2006)

Von
Brigitte Kronauer
  • Artikelbild
    foto: sz-bibliothek
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