Blüten aus dem Westen

16. Februar 2006, 20:36
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Drei neue Zweitalben aus Vorarlberg und von weit angereisten Künstlern: Zeebee, Convertible und Matt Boroff

Drei heimische Neuerscheinungen. Drei mal aus Vorarlberg. Drei mal von weit angereisten Künstlern. Drei mal das jeweils zweite Album - von Zeebee, Convertible und Matt Boroff


Zu Beginn etwas starker Tobak: "While the guitar gently weeps, the soundscapes eternally float and the lyrics touch the core of human relations, these records bridge the gap between the 60s, Radiohead and Aphex Twin", beschreibt der gebürtige Innsbrucker Hans Platzgumer, der nach Interimsheimaten rund um den Planeten nun in Vorarlberg lebt, das Werk seiner Band Convertible.

Das mag vordergründig ein wenig dick aufgetragen und nach eitlem Namedropping klingen. Bei näherer Überprüfung hält diese Selbstbeschreibung durchaus. Umgelegt auf Frailty Of Win - Strength Of Defeath, das zweite Album von Convertible, bedeutet das, dass Platzgumer eine Musik schafft, die Schnittmengen aus innovativem Rock und Elektronik definiert und sie im Songformat erblühen lässt. Erblühen! Tatsächlich sind Platzgumer hier einige der schönsten Stücke seines bisherigen Schaffens gelungen. Das ist bei geschätzten 40-50 Veröffentlichungen, angesiedelt zwischen Punkrock, Auftragskunst, Filmmusik, Synthie-Pop und Techno, keine geringe Leistung.

Eternal Moment ist so ein Stück: Noch deutlicher als der Opener Gone prägt dieser Song die Atmosphäre des Albums: Ein behäbiger Beat, eine Wärme verströmende Orgel und der darin eingebettete Gesang Platzgumers mit aus der Stille wachsenden Wall-of-Sound-Gitarren werden zu einem frühen Höhepunkt, dem andere folgen, die stilistisch zwischen hochgefahrenen Gitarrensounds, Postrock mit elektronischer Breitseite und beschaulichen Balladen angesiedelt sind. Wobei Platzgumers Balladen die Schwachstellen des Albums markieren. Musikalisch okay, kranken sie an seiner bescheidenen Stimme, der hier deutlich ihre Grenzen aufgezeigt werden. Absehbare und brüchig gebotene Reime wie "longer" auf "stronger" führen zu jener Beklemmung, die einen befällt, wenn man sich für jemand anderen schämt. Aber: Einmal Skip drücken - und alles ist wieder gut.


(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2006)

Probleme im Balladenfach kann man dem zweiten Wahlvorarlberger nicht nachsagen. Dieser reiste von New York aus an und legt nun nach seinem exzellenten Debüt aus 2003 überzeugend nach: Matt Boroff. Ticket To Nowhere profiliert die bekannten Stärken des Power-Rock-Trios, das hier mit frischem "Tieftöner" antritt - so nennt man intern den neuen Bassisten Rolf Kersting. Weiterhin ignoriert man sämtliche gerade angesagten Modetorheiten und pflegt stattdessen den eigenen Stil. An dem war bislang schon nichts auszusetzen, und nationaler wie internationaler Zuspruch geben dem Trio in ihrer Entscheidung Recht: Das dominant produzierte Schlagzeug von Little Konzett, der, auch wenn er leger umrührt, ordentlich anschiebt, trägt die tendenziell im Blues-Gefühl beheimateten Songs des Glatzenmannes. Neben scharfen Riffs hat Boroff seine Liebe für das Wah-Wah-Pedal neu entdeckt und setzt dieses pointiert ein. Neben diesen gerade auch im Live-Kontext ordentlich Wirkung zeigenden Kunstgriffen gibt Boroff auch den gepflegten Crooner. In den langsamen Stücken drängt sich deshalb wieder der Vergleich mit Mark Eitzel auf - dem Frontmann des American Music Club aus San Francisco. Wie Eitzel injiziert Boroff seinen Balladen eine Mischung aus Sanftheit und Verzweiflung. Auf Anfrage auch Wut und Irrsinn. Selbst die spartanische Besetzung tut diesen Stücken keinen Abbruch, obwohl sie von Orgel oder Piano unterstützt wohl aufgewertet würden. Über das aktuelle Klodeckelbespannungs-Outfit mit den Melonen ein andermal ...


Etwas bemüht wirkt Priorities von Zeebee. Diese fand von Deutschland aus über England ins Ländle. In bizarren Popsongs voller Agentenfilmsujets, wie man sie von Barry Adamsons fiktiven Soundtracks kennt, klingt die Sängerin entweder wie Shirley Bassey beim Synchronisieren von Mini Mouse oder macht einen auf Lolita, die, bevor es ernst wird, doch lieber mit ihrer Barbie spielt. Immerhin bleibt Zeebees egozentrischer Synthie-Pop bis zum Schluss abwechslungsreich - auch wenn sie stellenweise zu viel auf einmal versucht und sich deshalb ein wenig verliert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2006)

Von Karl Fluch

Die Alben

Convertible: Frailty Of Win - Strength Of Defeath

Matt Boroff: Ticket To Nowhere

Zeebee: Priorities (Alle Monkey Music/Universal)

  • Convertible: "Frailty Of Win - Strength Of Defeath"
    foto: universal

    Convertible: "Frailty Of Win - Strength Of Defeath"

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