Kartoffeln und anderes Studenten-Futter

6. Juni 2006, 14:04
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Topdesigner Ross Lovegrove lehrt Industriedesign an der Uni für angewandte Kunst in Wien

Der Standard wollte wissen, worauf es dem Materialforscher und Formenübersetzer dabei ankommt.

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Wie lehrt man Design?
Ross Lovegrove: Das Problem beim Unterrichten von Design ist das gängige Springen von Projekt zu Projekt. Da ist die Lampe, dann der Kuli, der Sessel usw. Bevor du an die Arbeit gehst, weißt du schon, das wird dies oder das. Ich glaube, das ist total falsch. Ich meine, die Welt des Unterrichtens sollte sich auf den Prozess beziehen. Wie nähert man sich dem Objekt? Es geht um die Bereitstellung von Werkzeug für das Kommunizieren von Ideen.

Und wie lösen Sie das Problem?
Lovegrove: Ich startete vergangenes Semester mit dem Kartoffel-Projekt von Greg Lynn (Anm. Lynn unterrichtet an der Angewandten Architektur). Dabei geht es darum, die Kartoffel, eine Form, die jeder kennt, zu erfassen, zu beschreiben, zu zeichnen. Dafür müssen die Studenten Maschinen erfinden. Einige stecken Stecknadeln in die Kartoffel, die sie dann vermessen, andere schneiden die Kartoffel in Scheiben und erforschen so ihre Form.

Was geschieht, wenn sie ihre Kartoffel erforscht haben?
Lovegrove: Das Bedeutende an dieser Geschichte ist, dass sie gleich zu Beginn diesen Zwang der Studenten beseitigt, einen Sessel oder eine Lampe gestalten zu müssen. Sie finden auf eine lustige Art mehr über sich heraus. Und von diesem Punkt führte ich sie direkt zu einem Auto, schließlich gibt es da ja offensichtlich formale Zusammenhänge. Es geht mir darum, abstrakten Ideen eine Form zu geben.

Das Thema Auto ist ja eines Ihrer liebsten.
Lovegrove: Ja, das Auto, das sich von den gängigen Vorstellungen eines Bereichs loslöst, der im Prinzip ein Erfüllungsgehilfe der Ölindustrie ist. Da liegt ein großes Problem. Ich kenne viele Leute, die sich in der Autoindustrie sehr verloren fühlen. Da ist diese Bewegung zwischen dem Auto als unglaublich gestyltem Statusobjekt und dem Bedürfnis nach sauberen, leichteren, neuen Lösungen. Natürlich geht es dabei auch um einen ästhetischen Wandel. Ich möchte den Studenten diesbezüglich auf einen radikalen Weg helfen. Darum sind auch die Beschaffenheitsstudien der Kartoffel so interessant.

Und wenn das Auto aussieht wie eine Kartoffel?
Lovegrove: Es geht um neue Konstruktionsmöglichkeiten, neue Materialien; und vielleicht in ein, zwei Jahren wird sich das Ganze einem Interesse an Bioantrieb, Emissionswerten und Ähnlichem annähern. So kann etwas wirklich Gesellschaftsrelevantes rauskommen. Das ist nicht nur Design.

Sie sind ein Tausendsassa und Globetrotter. Wie geht sich der Job zeitlich aus?
Lovegrove: Zaha Hadid hat keine Zeit, Greg Lynn auch nicht. Um das geht's nicht primär. Keiner von uns arbeitet wirklich dort, wo er lebt. Entweder du machst den Job, oder du lässt es. Es mag wenig Zeit sein, aber es ist gute Zeit.

Wie viel "gute" Zeit werden Sie für diesen Job haben?
Lovegrove: Nun, als Professor muss ich jeden Monat hier sein, zwei, drei, vier Tage - hängt davon ab, wie's läuft. Aber wenn du dann da bist, und all die Studenten sind da und hungrig auf gemeinsame Arbeit - ach, das ist wundervoll.

Sie wohnen im Hotel Bristol, die Arbeit muss gut bezahlt werden.
Lovegrove: Ich verdiene mit diesem Job rein gar nichts. Ich zahle die Flüge, das Hotel und anderes. Ich mach diesen Job nicht des Geldes wegen.

Zurück zum Design: Ihr Zugang klingt nicht nach klassischer Formgebung im Sinne von Industriedesign.
Lovegrove: Ich bin kein zweckmäßiger Designer. Das können andere sein. Mich interessiert das Plastisch-Ästhetische an einem Objekt, aber nicht um den Preis seiner Logik. Meine Wasserflasche ist wohl ein sehr gelungenes Beispiel für Schönheit und Logik in einem Objekt.

Sie sind vor allem für Ihre organisch geformten Objekte bekannt. Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre Klasse lauter Designer organischer Formen hervorbringt?
Lovegrove: Reizende Frage, dafür werde ich Sie jetzt auffressen.

Aber das interessiert die Leute.
Lovegrove: Ich weiß.

Also?
Lovegrove: Wenn man die vergangenen 100 Jahre hernimmt, bring ich auf die Schnelle höchstens 20 Künstler und Architekten zusammen, die wirklich Formen kreierten (Anm. Lovegrove beginnt wirklich aufzuzählen). Nehmen wir an, sie wären jetzt alle in diesem Raum. Es würden wundervolle Energieströme zwischen diesen Menschen fließen. Sagen wir aber auch, dass wahrscheinlich mehr als 10 Milliarden Menschen in diesen 100 Jahren lebten. Formen kreieren zu können ist also eine besondere und seltene Sache. Und darum ist die organische Form so wertvoll. Sie ist keine leichte Form und ein Ding von Meistern. Ich hab mehr oder weniger mein ganzes Leben in ihren Dienst gestellt.

Hört sich an, als könne man die Form kaum lernen.
Lovegrove: Es ist ein schwieriges Unterfangen, und ich werde meine Studenten nicht in diese Richtung drängen. Aber ich will zum Beispiel mit ihnen untersuchen, wie wir mit dem Computer dreidimensionale Experimente durchführen können. Organisches Design kommt von organischem Denken. Dafür muss man sehr frei im Kopf sein. Wer in Richtung organisches Denken geht, den werde ich natürlich ermutigen. Aber ich will nicht, dass da lauter Ross Lovegroves rauskommen.
(Interview: Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/10/02/2006)

  • Lovegroves "DNA"-Wendeltreppe (2003)
    foto: hersteller

    Lovegroves "DNA"-Wendeltreppe (2003)

  • Wasserflasche für "TY Nant" (1991 - 2001)
    foto: hersteller

    Wasserflasche für "TY Nant" (1991 - 2001)

  • Sein Concept-Car
    foto: hersteller

    Sein Concept-Car

  • Und der Designer selbst.
    foto: hersteller

    Und der Designer selbst.

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