Spießerchens Mondfahrt

8. Februar 2006, 19:26
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Heinz Zednik im Interview über seine Rolle in Janáceks "Die Ausflüge des Herrn Broucek" und die Volksoper

Heinz Zednik wird an der Volksoper ab 18. Februar in Leos Janáceks "Die Ausflüge des Herrn Broucek" als wurstwarenfixierter Ungustl auf den Mond geschossen. Stefan Ender sprach mit Zednik über die Rolle und die Volksoper.




STANDARD: Herr Zednik, an der Neuproduktion der "Ausflüge des Herrn Broucek" an der Volksoper soll Ihre Begeisterung für das Stück nicht ganz unbeteiligt gewesen sein?

Zednik: Ja, ich bin ein großer Janácek-Fan, und der Broucek war immer eine Wunschpartie. Einmal noch wollt ich so eine wirklich tolle Rolle singen. Und das hat sich hier an der Volksoper durch einen Zufall ergeben.

STANDARD: Janácek beschreibt den Broucek, eine tschechische Oblomov-Figur, ja mit äußerst harten Worten: "Ich wollte, dass uns ein solcher Mensch widerwärtig werde, dass wir ihn auf jedem Schritt vernichten, erwürgen - aber vor allem in uns selbst, damit wir in der Reinheit des Geistes der Märtyrer unseres Volkes wiedererstehen", schrieb er 1918.

Zednik: Ich weiß. Also so schlimm ist er in dieser Inszenierung nicht: Man mag ihn auch. Er ist ein Spießer, aber auch ein liebenswerter Mensch mit einigen Macken, wie alle anderen auch.

STANDARD: Die Oper ist nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr abwechslungs-und klangreich.

Zednik: Sie ist musikalisch einfach unfassbar schön. Der Grund für die nicht so große Popularität liegt vielleicht am Inhalt: Die Mondfahrt ist ja sehr lustig, der Besoffene, der immer seine Würschteln fressen möchte, die ganze Künstlerschaft am Mond - da macht sich der Janácek ja über seine Kritiker lustig. Der zweite Teil mit dem Hussitenkrieg ist eine sehr nationalistisch gefärbte Heldengeschichte, die wir so nicht nachvollziehen können.

STANDARD: Die Oper scheint auch schwer besetzbar.

Zednik: Vor allem der Mazal, dieser hohe Tenor, ist eine mörderische Partie: Der muss ein hohes C über, glaube ich, sechs Takte haben. Da muss man stimmlich von guten Eltern sein, um das ehrlich zu singen.

STANDARD: Langsam zeichnet sich das Finale Ihrer über vier Jahrzehnte andauernden Sängerkarriere ab. Was hat sich in dieser Zeit im Opernleben geändert?

Zednik: Die Oper ist primär eine Kunstgattung des 19. Jahrhunderts und somit auch ein bissl eine - wollen wir's ehrlich so nennen - eine museale Kunst. Dadurch hat sich ergeben, dass die immergleichen Werke andauernd neu inszeniert werden müssen, Stichwort: Regietheater. Und da ist nicht immer Zielführendes passiert. Die Musik ist etwas zurückgedrängt worden, es fehlen uns auch die wirklich großen Maestri, die - wie Karajan, Böhm, Solti - die Beherrscher des Pultes sind und vom Pult aus ein ganzes Opernhaus begeistern.

Auch hat es früher mehr Sängerpersönlichkeiten gegeben. Es sind heute wahnsinnig viel gute Stimmen da - viel bessere zum Teil als früher -, aber keine Persönlichkeiten. Möglich, dass ihnen durch das Regietheater etwas von ihrem Kern, ihrem Wesen genommen wurde. Aber ich gebe zu: Oper ist vielleicht nicht mehr die Kunst unserer Zeit. In einer Zeit, die so technologisiert ist, die auch vor großen politischen Problemen steht - der Konflikt Islam gegen die westliche Welt etwa: Das sind Dinge, die sind schwer mit einer Oper zu erklären.

STANDARD: Wenn Sie auf Ihre lange Karriere zurückblicken, welche Gefühle stellen sich da beim Rückblick ein: Stolz? Freude? Dankbarkeit?

Zednik: Ich würde das Wort Freude nennen. Eine unendliche Freude, dass ich eine internationale Karriere - in einem zweiten Fach - machen konnte, dass ich an den großen Häusern singen durfte, mit Karajan, Böhm, Solti, Bernstein, mit Otto Schenk, Jean-Pierre Ponelle arbeiten durfte. Ich habe natürlich auch Krisen gehabt. Man hat durch Krankheiten oft Durchhänger und Schwierigkeiten, und das ist nicht so lustig. Einmal habe ich mir schon innerlich gesagt: So, jetzt geh ich zum Holender und sag, du, es geht nicht mehr weiter. Es ging dann aber wieder.

STANDARD: Zur Zukunft der Volksoper: Fänden Sie eine Zusammenlegung des Hauses mit der Staatsoper sinnvoll?

Zednik: Ich glaube, es ist besser, wenn die beiden Häuser, wie es bei Moltke heißt, "getrennt marschieren, aber vereint schlagen". Aber es ist eben eine Geldfrage.

STANDARD: Sie haben sich in der Vergangenheit wiederholt um die Leitung der Volksoper beworben. Schmerzen die Absagen noch?

Zednik: Ich habe es mittlerweile ad acta gelegt. Im Leben hat jeder Mensch seine Enttäuschungen. Irgendwann hab ich in den Spiegel geschaut und gesagt: Komm, nimm dich nicht so wichtig. Es gibt Schlimmeres. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2006)

  • Heinz Zednik, 1940 als Sohn
 eines Hutmachers in Wien geboren, machte in seiner gut 40-jährigen Bühnenlaufbahn eine
 Karriere als Charaktertenor,
 die ihn an die wichtigsten
 Opernhäuser führte. An seinem Stammhaus, der Wiener
 Staatsoper, sang er "an die
 2000" Aufführungen.
    foto: standard/corn

    Heinz Zednik, 1940 als Sohn eines Hutmachers in Wien geboren, machte in seiner gut 40-jährigen Bühnenlaufbahn eine Karriere als Charaktertenor, die ihn an die wichtigsten Opernhäuser führte. An seinem Stammhaus, der Wiener Staatsoper, sang er "an die 2000" Aufführungen.

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