Glanz und Schmutz der Seele Österreichs

16. Februar 2006, 20:09
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Zum 75. Geburtstag von Thomas Bernhard: Eine Hommage an das analytische Erzählen

Längst ist sein Rang als einer der Größten der österreichischen Literatur unbestritten. Eine Hommage an das analytische Erzählen Thomas Bernhards zum 75. Geburtstag am 9. Februar.


Dass "jeder andere Autor an ihm gemessen wird und auch in Zukunft gemessen werden wird", weil er "der größte Stilist" ist, sagte vor Kurzem Elfriede Jelinek, weil er einen "(seiner selbst vollkommen sicheren) Herrschaftsdiskurs" schreibe. Keiner "wird je mit ihm mithalten können".

Auch ohne sich die Frage stellen zu wollen, wer auf den ersten Platz gehört: Bernhard ist ein großer Autor, und sagt jemand heute das Gegenteil, blamiert er sich. Zu Recht. Einmal hörte ich Ruth Klüger aus Fred Wanders Der siebente Brunnen vorlesen. Als sie vom Podium herunterstieg, noch im Schatten des Gelesenen, sagte sie vor sich hin, für sich und für sonst niemand, "Was für ein großes Buch". Und ich hörte es und glaubte ihr, und hatte nicht den Eindruck, die Klüger wollte damit die ganze andere österreichische Literatur in die zweite Bankreihe versetzen. Ein seiner selbst vollkommen sicherer Herrschaftsdiskurs - Elfriede Jelinek meint damit wahrscheinlich nicht die großen Tiraden, wie Bernhards autoritäre Politische Morgenandacht oder die Rede des Rechtsanwalts Moro in Ungenach, sondern, dass sich der Autor der Herrschaftssprache so sicher war, dass er sie virtuos beherrschte wie ein Instrument, mit dem er alles hörbar machen konnte, alle Haupt- und Nebentöne der Macht und ihrer Geschichte.

"Glanz und Schmutz"

Er war sich dieser Sprache so "vollkommen" sicher, dass er sie ins Nicht-mehr-Sichere führen konnte, in Bereiche der Selbstvermessenheit und des Selbstzerfalls, wie sie die Rede des Franz-Josef Murau, des Herrn von Wolfsegg, auf 650 Seiten zelebriert.

Ein herrschaftliches Ich, das nicht Herr ist in seinem Haus, ein Ich, das den ganzen "Glanz und Schmutz" (Heinrich von Kleist) einer österreichischen Seele ausplaudert, berührend im Gedächtnis für die Schermaiers, zynisch und voll Ressentiments bei der Abschenkung des riesigen Wolfsegger Erbes an die Israelitische Kultusgemeinde in Wien, gnadenlos in allem, was seine Schwestern betrifft, eine durch und durch musikalische Rede, in der, wie in der Trommel-Musik von Heinrich Heines Le Grand (um an einen in Österreich eher vergessenen Jubilar zu erinnern), die österreichische Geschichte und die Weltliteratur zum Klingen gebracht werden.

"Heine, der geliebte"

"Heine, der geliebte", heißt es an einer Stelle in Auslöschung. Ein Zerfall. Zweifellos ist dieser grandiose, manchmal arienhafte Herrschaftsdiskurs eine Grundschicht von Bernhards literarischer Sprache, und möglicherweise hat er sie seinem Großvater "abgehorcht". Besonders bei den Künstlern, diesen Brüdern der Macht, wirkt diese Sprache ergreifend, wenn sie als ein Hilfsmittel beschworen wird, um über die Misere der Existenz hinwegzuhelfen:

"Wenn wir die Schönheit nicht besitzen / und durch und durch ein kranker Geist / und mittellos bis in die Seele sind", ein Satz, der dem tyrannischen Theatermacher von seiner Tochter nie andächtig genug gesprochen werden kann.

"Im Widerstand"

In seinem Monolog Drei Tage (1970), dem wichtigsten Selbstzeugnis des Autors, ist davon die Rede, dass er nur im "Widerstand" schreiben könne. Dieser Widerstand richtet sich vor allem gegen die Sprache der Macht, auch der Macht der Überlieferung und der literarischen Tradition. In seinen Stücken hat Bernhard die Mächtigen "ausgehorcht", in ihrer Sprache hörbar gemacht, was das herrschaftliche Ich zusammenhält: Besitz und Gewalt über andere - sie auseinander nehmen, zerlegen und vernichten.

Aber es gibt in Bernhards Werk auch das Hinhören auf die Sprache der Ohnmacht, eine sensible, an Georg Büchner erinnernde "Ursachenforschung", die schon auf der ersten Seite des ersten Romans Frost (1963), im Forschungsauftrag des jungen Famulanten, intendiert ist: "Etwas Unerforschliches zu erforschen".

In der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit für das kranke Ich, seine Rede und sein Schweigen, seine Bewegungen, seine Gebärden und seine Kleidung, wird diese erzählerische "Ursachenforschung" zum Ereignis der österreichischen Literatur am Beginn der Sechzigerjahre.

Bernhard wurde in dem Moment zu einer Größe der zeitgenössischen Moderne nach 1945, als er sein Schreiben zum Gedächtnis der aus Österreich vertriebenen Wissenschaft und Literatur machte. Seine "Art echter Hassliebe zu Österreich" sei "letztlich der Schlüssel zu allem", was er "schreibe", sagte Bernhard in einem Gespräch mit Jean-Louis Rambures.

Kritisches Gedächtnis

Ich glaube, dass Bernhard, und mit ihm die österreichische Literatur nach 1945, in dem Moment ihre besondere Bedeutung bekamen, als sie zum kritischen Gedächtnis wurden der vom Nationalsozialismus verfemten und vertriebenen Kultur.

Im Eingedenken dieses Zerstörungsaktes und in der literarischen Rekonstruktion der analytischen Kultur, die auch noch in den Fünfzigerjahren aus Österreich exiliert blieb, liegt ein zentraler Impuls, die kreative Wut und Obsession von Bernhards "Hassliebe zu Österreich". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2006)

Von Hans Höller

Zur Person:
Hans Höller ist Professor für Germanistik an der Universität Salzburg und Mitherausgeber der 22-bändigen Thomas Bern- hard-Werkausgabe, die derzeit bei Suhrkamp erscheint.

  • Thomas Bernhards "Holzfällen" wurde 1985 verboten. Damals traf STANDARD-Fotograf Matthias Cremer ihn am Graben.
    foto: standard / matthias cremer

    Thomas Bernhards "Holzfällen" wurde 1985 verboten. Damals traf STANDARD-Fotograf Matthias Cremer ihn am Graben.

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