Die Wegwerfkicker

Auf einen Samuel Eto’o kommen Dutzende junge Afrikaner, deren Traum vom Ruhm in der Gosse einer europäischen Stadt endet

Klaus Federmair berichtet, wie Belgien zur Drehscheibe eines schmutzigen Geschäfts wurde, von dem Klubs in ganz Europa profitieren.

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Mit dem Flugticket beginnt der große Traum. Ein Agent verspricht der afrikanischen Nachwuchshoffnung einen Vertrag bei einem europäischen Großklub. Unterkunft im Hotel, erstes Probetraining am nächsten Tag, alles ist organisiert. Ein paar Trainings später ist der Vermittler verschwunden, der Portier will den Teenager loswerden. Er steht auf der Straße. In einer fremden Stadt, fern der Heimat. Ohne Wohnung, Papiere, Sprachkenntnisse, Geld oder Kontakte. Der Traum wird zum Albtraum. Für Solange Cluydts, Koordinatorin von PAYOKE, einer staatlichen Hilfsorganisation für Opfer von Menschenhandel in Antwerpen, sind solche Geschichten nichts Besonderes. Die meisten Hilfesuchenden, um die sich PAYOKE kümmert, sind Prostituierte. Regelmäßig bitten aber auch gestrandete Fußballer um Unterstützung.

Die heile Welt der FIFA

"Wenn man den FIFA-Leuten solche Geschichten erzählt", berichtet Cluydts, "dann schauen sie dich an, als wärst du der Bösewicht."Die gute Miene der FIFA ist Teil des bösen Spiels. Denn der Weltverband pflegt die Oberfläche der heilen Fußballwelt sorgfältig. Er verteilt Zertifikate an offizielle Spielervermittler und führt eine öffentlich zugängliche Liste über sie. Vereine, die Transfers über solche Vermittler abwickeln, können jederzeit auf die Zertifizierung und die damit offiziell gewährleistete Einhaltung der FIFA-Regeln verweisen. Das Vermitteln von Spielern unter achtzehn Jahren ist verboten. Im Jahr 2001, als diese Vorschriften des Weltverbandes bereits in Kraft waren, beschäftigte sich das belgische Zentrum für Chancengleichheit und Rassismusbekämpf-ung mit den Fußballtransfers. Die Organisation skizzierte in einem Bericht die Netzwerke von inoffiziellen Zwischenpersonen und stellte einen "regelrechten Menschenhandel" fest. Auf damals 26 offiziell zertifizierte Spielervermittler kamen mehr als 200 andere Zwischenhändler. Zu dieser Zeit bemerkte auch die belgische Öffentlichkeit, dass das Land zur Drehscheibe bei der Ausbeutung afrikanischer und südamerikanischer Teenager im Dienste des europäischen Fußballbusiness geworden war. Eine Fernsehdokumentation schockte das Land, sie zeigte einen Schwarzhändler, wie er etwa zwanzig in einen Raum gepferchte Minderjährige zum Verkauf anbot.

Mafiose Synergien

Der liberale Parlamentarier Jean-Marie De Decker wurde zum Leiter einer Untersuchungskommission ernannt, die das Problem des Menschenhandels ans Licht bringen sollte. Ähnlich wie Cluydts beschäftigte sich De Decker erst mit Prostitution, stellte aber bald fest, dass der Profifußball ebenso systematisch betroffen war. Gegenüber dem ballestererfm hält der Aufdecker fest, dass sich der illegale Spielerhandel sehr gut mit anderen mafiosen Geschäften verbinden lasse. Dazu passt, dass ein Hauptverdächtiger im aktuellen belgischen Wettskandal mit einer togolesischen Lizenz Spieler vermittelt, weil ihm eine belgische verwehrt wurde.

Parlamentarier De Decker auf der Spur der Menschenhändler

In De Deckers Büro tauchte eines Tages eine Frau mit einem 16- und einem 17-jährigen Nigerianer auf. Der Profiverein, für den die beiden ohne Bezahlung gespielt hatten, wollte sie aus Angst vor Kontrollen möglichst schnell nach Hause schicken. Doch De Decker begann, die beiden Fälle aufzurollen. Es stellte sich heraus, dass die Reisepässe gefälscht worden waren, um das Alter auf 18 zu erhöhen. Die nigerianische Botschaft sowie höchste politische Stellen waren in die Angelegenheit verwickelt. De Decker buchte ein Flugticket nach Lagos, um vor Ort weitere Untersuchungen anzustellen. Doch kurz vor dem Abflug erreichte ihn ein anonymer Telefonanruf. Den Rat, im Interesse seines Lebens besser nicht zu fliegen, beherzigte der ehemalige Olympia- Judoka schweren Herzens: EDamals schämte ich mich, den Schwanz eingezogen zu haben, aber ich konnte jemand anderen unerkannt hinschicken. So bin ich heute noch hier und kann diese Geschichten weitergeben."

Korrupte Fußballwelt

"Alles, was ich sage, kann ich beweisen", betont De Decker mehrmals beim Gespräch mit dem ballestererfm. Dennoch ist es bisher zu keiner Verurteilung wegen Menschenhandels gekommen. Darauf angesprochen, seufzt De Decker: "Es gibt jede Menge Korruption in der Fußballwelt. Sehen Sie doch einmal, wie viele Politiker in den Vereinsvorständen sitzen." Im Fall der beiden minderjährigen Nigerianer, von denen einer heute bei einem belgischen Spitzenklub spielt, wurde im Jänner 2006 das Gerichtsverfahren eröffnet. Klar scheint, dass die öffentlich bekannten Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind. "Auf jeden glänzenden Diamanten kommen 99 vergeudete", drückt sich De Decker aus. Er schätzt, dass jedes Jahr 250 bis 500 Afrikaner allein am Flughafen Brüssel mit dem Ziel ankommen, als Fußballprofis zu arbeiten. Die meisten von ihnen mit einem Touristenvisum. Ein Bruchteil bekommt einen Vertrag. "Was glauben Sie, was mit dem Rest passiert?" Viele haben ganz einfach kein Retourticket, überhaupt ist der Anreiz, im reichen Europa zu bleiben, für die meisten Afrikaner überwältigend. Auch wenn sie sich in der Illegalität durchschlagen müssen. Das Problem von Ausbeutung und illegalem Spielerhandel ist ein gesamteuropäisches Problem. Aber wie ist Belgien zu seiner Drehscheibe geworden?

Der SK Beveren, in Belgien bekannt als "die Ivorianer". Foto: AP/Logghe

Jean-Marie De Decker verweist auf zwei Umstände. In Belgien kann man leichter und schneller die Staatsbürgerschaft bekommen als in den meisten anderen Ländern. Weiters sind die Auflagen für eine Arbeitsgenehmigung als Profi aus einem Nicht-EU-Land viel weniger streng als etwa in England oder den Niederlanden. Globale Netzwerke Vor diesem Hintergrund sind Kooperationsabkommen wie jene zwischen Royal Antwerpen und Manchester United oder Germinal Beerschot und Ajax Amsterdam zu sehen. Nachwuchshoffnungen können in der belgischen Liga getestet und im besten Fall auch noch EU-Bürger werden, bevor sie reif für die englische oder niederländische Liga sind. Die belgischen Klubs unterhalten ihrerseits Satellitenklubs und Fußballschulen in Afrika.

Bekanntestes Beispiel ist der Erstligist Beveren, der den Großteil seiner Kaderspieler aus der "Académie de Football d’Abidjan" des Franzosen Jean-Marc Guillou rekrutiert. Im vergangenen Dezember standen bei einem Meisterschaftsspiel zehn Spieler aus der Elfenbeinküste und einer aus Mali für Beveren auf dem Feld. Beveren ist damit aber auch zu einem Symbol belgischen Respekts vor der Elfenbeinküste geworden. In der Öffentlichkeit wird das Team durchaus wohlwollend als "die Ivorianer" bezeichnet, viele Belgier werden bei der WM nach dem Qualifikationsaus des eigenen Teams für Côte d’Ivoire die Daumen drücken. Jean-Marie De Decker ist dennoch nicht glücklich über das "Modell Beveren": "Viele der Leute, die jetzt in Afrika Klubs und Akademien betreuen, können gar nicht mehr nach Belgien zurück, weil hier Verfahren gegen sie laufen." Für Solange Cluydts sind die vielen afrikanischen Fußballschulen mit belgischer Beteiligung ein Ergebnis der größeren Vorsicht, die die Transfernetzwerke nach dem Medienecho im Inland vor zwei, drei Jahren, nun walten lassen.

Was tun?

Jean-Marie De Decker wünscht sich massive Beschränkungen hinsichtlich der Spielberechtigungen. Für Belgien könnten entsprechende Maßnahmen das Ende seiner Drehscheibenfunktion bedeuten. Das System bliebe aber weiter aufrecht, und es würden wohl weiter laufend rechtlose Kicker auf den Straßen Europas landen. Nötig wäre daher ein Bewusstsein dafür, dass der europäische Profifußball systematisch von der Ausbeutung profitiert. Auch die Vereine werden in die Verantwortung zu nehmen sein. Denn sie sind es schließlich, die sich die glitzernden Diamanten aussuchen und die anderen achtlos wegwerfen.

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