Mohnweckerl und Schleifpapier: Werbung mit Witzen über Blinde

17. Mai 2006, 11:18
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etat.at fragte Kreative, was sie von der neuen AHA-Kampagne für die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Seh- schwachen halten - Mit Ansichtssache und Spot

AHA puttner red cell entwickelte die neue Kampagne für die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Konzipiert wurden ein TV-Spot sowie Print-Anzeigen, Citylights und Free-Cards, die durch die Inszenierung von Blindenwitzen den Claim "Wir sehen die Welt ein bisschen anders" entsprechend emotionalisieren sollen.

Blinde Piloten, entsetzte Passagiere

Im TV-Spot sieht man zwei blinde Piloten in das Cockpit eines Passagierflugzeugs steigen, zum großen Entsetzen der Fluggäste. Dieses Entsetzen entlädt sich in einem lauten Schrei, als sich der auf der Startbahn fahrende Jet deren Ende, einem Abgrund zum Meer hin, nähert. In diesem Moment ziehen die Piloten den Flieger hoch, mit den Worten: "Irgendwann werden sie zu spät schreien, und wir werden alle sterben."

"Frei von jeglichem Social Touch"

Lowe GGK-Kreativer Walther Salvenmoser findet den Spot "ganz hervorragend". Er sei relevant und habe einen fast schon brutal zu nennenden Witz, der jedoch nicht auf Kosten der Blinden und Sehschwachen gehe, so Salvenmoser gegenüber etat.at. "Der Film ist frei von jeglichem 'Social-Touch', was dem Anliegen mehr als gut tut (Mit-Leid ja, aber Mitleid als konfektioniertes Gefühl nein). Der Spot ist zudem toll produziert, und den Slogan finde ich auch super".

"Hätte einer weniger klamaukigen Kampagne bedurft"

Anders Daniel Gantner, Geschäftsführer von gantnerundpartner: "Von heute auf morgen nicht mehr sehen zu können, wäre so ziemlich das Schlimmste, was ich mir an Behinderung vorstellen kann. Um mein Bewusstsein für diese Behinderung noch zusätzlich zu schärfen, hätte es weiß Gott einer etwas einfühlsameren, authentischeren und vor allem weniger klamaukigen Kampagne bedurft."

"Interessanter, weil nicht auf die Tränendrüsen drückenden Ansatz"

"Das Thema Blindheit und Sehbehinderung wird wieder ins Bewusstsein gerufen. Das ist gut und wichtig", so Alexander Rudan, neuer Kreativchef von Ogilvy Wien. "Dafür die Geschichte heranzuziehen, dass die Betroffenen mit ihrer Behinderung durchaus gut umzugehen wissen, also kein Mitleid brauchen, finde ich einen interessanten, weil einmal nicht auf die Tränendrüsen drückenden Ansatz."

"Ob der abgefilmte Witz dafür das beste Vehikel ist, weiß ich nicht, ist aber für mich sicher kein Stein des Anstoßes, schon allein, weil die Betroffenen selbst damit kein Problem zu haben scheinen.", so Rudan weiter. Für ihn bleibe aber die Frage offen, was er dazu beitragen könne, dass sich etwas ändert und vor allem was. "Aber vielleicht ist diese Frage überflüssig und die Kampagne hat ihre Pflicht und Schuldigkeit bereits damit getan, dass dem Thema im Allgemeinen wieder Beachtung geschenkt wird." (ae)

Ansichtssache

"Warum kaufen Blinde gerne Mohnweckerl?" - Kaderbilder aus dem TV-Spot und Anzeigen

Spot

"Wir sehen die Welt ein bisschen anders"

Credits

Auftraggeber: Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen, Irene Vogel, Britta Wagner | Agentur: AHA Puttner red cell | CD: Reinhard Gnettner | Beratung: Jörg Liemandt | Filmproduktion: Close Up, Producer Dieter Lembcke

  • Artikelbild
    foto: aha
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