Donauwinter

9. Februar 2006, 19:04
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Natürlich hatten wir alle schon tausend Bilder gesehen, auf denen das viel dramatischer aussieht...

Es war am Sonntag. Und natürlich hatten wir alle schon tausend Bilder gesehen, auf denen das viel dramatischer aussieht. Aber selbst erlebt hatte das keiner von uns. Und als wir dann am Abend noch einmal in die APA schauten und dort die dringende Warnung der Exekutive lasen, waren wir doch ganz froh, feig gewesen zu sein. Und zum anderen, zumindest versucht zu haben, den Mann zu warnen. Auch wenn er uns nicht verstanden hatte – und weiter auf die Donau hinaus gelaufen war.

Wir hatten – siehe auch die Stadtgeschichte „Eisprinzessin“ – beim Frühstück darüber geplaudert, wie schön das zugefrorene Entlastungsgerinne am Abend gewirkt hatte. Und darüber, dass eigentlich keiner von uns die Donau je zugefroren erlebt hatte. Und weil ein paar in der Runde sich am Abend davor das auch angesichts der Eisschollen, die am Flex vorbei den Donaukanal hinunter geschwommen waren, gedacht hatten (und jemand erzählte, wie bizarr die zugefrorenen „Eiswasserfälle“ bei den Kanalauslässen im Wienflussbecken aussähen) fuhren wir auf die Insel.

Eistouristen

Wir waren nicht die einzigen Eistouristen. Sicher: Erzählungen von Eisstößen, die sich hier früher meterhoch übereinander geschoben hatten, hatten wir alle schon gehört – aber mit eigenen Augen über den zugefrorenen Strom zu schauen, ist halt etwas Anderes. Und ziemlich beeindruckend

Erst recht bei Kaiserwetter: Die Sonne ließ das Eis blitzen und glitzern – und wenn man in Richtung Mexikoplatz blickte, war das – da waren wir uns alle einig – gar nicht Wien. Eher Moskau. Oder St. Petersburg. Oder Stockholm. Oder Narvik. (Erst viel später fiel uns zum einen ein, dass Narvik doch – oder etwa doch nicht? – angeblich einer der nördlichsten eisfreien Häfen Europas ist. Und zum anderen hatte da jeder eine Stadt genannt, in der er noch nie gewesen war.)

Treidelfischerschanigärten

Aber auch das Wienerische war anders: Die kleinen Fischerboote mit ihren rechteckigen Netzen sahen in ihren weißen Fesseln, den glitzernden Tampen und den eisig ummantelten Haltestangen noch mehr nach Schrebergartenhütten aus als im Sommer. Und das an allen Ecken zu hörende „Heeeast Tschenifaaa“ hatte uns schon am entferntesten Ende der Welt immer nach Hause, nach Wien, geholt – auch wenn der panische Nachsatz („Waunst no amoi da aufs Eis ausse rennst, kriagst a Watschn, dass´d a Wochn long goa nimma meakst, dass´d Fernsehverbot host.“) an thailändischen Stränden oder im südamerikanischen Regenwald eher bizarr geklungen hätte.

Hier aber machte der Satz im Grunde Sinn: Auch wenn es überall kleine und mittelgroße Seen gab an denen das Wasser des Stromes den Möwen und Enten über die Füße schwappte, sah der Strom aus, als könne man ihn getrost, sicher und trockenen Fußes überqueren. Und natürlich machten wir Mittdreißiger-Buben uns einen Spaß daraus, unsere Freundinnen durch unendlich pubertär-männlich/dumm-mutiges Auf-den-Fluß-steigen zu nerven.

Höflichkeitspanikattacken

Zum Glück (ganz deppert sind wir ja auch nicht - wir hatten alle die Hosen voll, aber wenn ein Mann was tut, muss der andere eben auch blöd sein) waren die Damen so höflich, schon nach einem halben Meter Panik zu mimen – und wir Helden durften wieder an Land zurück. Der Spaß hörte aber sofort auf, als wir dann das (nicht zu uns gehörende) Kind einfingen (da waren K. und ich dann gut 20 Meter vom Ufer entfernt – aber das realisierten wir erst viel später). Seine Eltern hatten gar nicht bemerkt, dass der Vierjährige das Festland verlassen hatte – als wir es ihnen sagten, wurden sie ziemlich blass.

Knapp oberhalb der Reichsbrücke stockte dann auch uns der Atem: Der Mann, der da etwa hundert Meter in Richtung Flussmitte gewandert war, hörte weder auf unsere noch auf die Rufe von anderen Spaziergängern (oder dem einsamen Gitarristen auf der Ufermauer). Die einzigen, die sich keine Sorgen machten, waren die Frau und der Sohn des Touristen aus Fernost: Die beiden saßen am Ufer und jubelten dem mutigen Papi zu - und der pirschte sich mit seiner Kamera todesmutig an ein Wasserloch an (und weil er nicht deutsch konnte und auf der Insel niemand die Nachrichten laut vorliest, hätte er die Warnung, mit der die Polizei vor genau diesem Unfug just zu dieser Zeit via APA abriet, auch nicht verstanden).

Fahrrinne

Dabei hätte er von der Brücke aus ohnehin das bessere Bild gehabt: Das Loch war von oben betrachtet nämlich kein Loch – sondern so etwas wie der Rest einer Fahrrinne. Jedenfalls sah es von der Brückenperspektive aus, als hätte ein Eisbrecher versucht, hier für ein paar hundert Meter den Schiffsverkehr zu ermöglichen.

Aber davon konnte natürlich keine Rede sein: Schlepper, Schubschiffe und allerlei Leichter (also Lastkähne) lagen fest vertäut und vom Eis umzingelt an den Kaimauern – und auch die Ausflugsschiffe hielten Winterschlaf. Mittendrin lag das Hundertwasserschiff – und da jauchzte dann auch B. zum ersten Mal auf: Der Winter und das Eis, meinte sie, könnten ihr gestohlen bleiben. Aber wenn die Eisschollen sich rund um dieses Schiff zum Packeis vereinen sollten und ihr Druck das hässlich Boot zum Sinken brächte, erklärte sie feierlich, dann wäre sogar sie mit dem Winter ausgesöhnt. Dann dürfte es ruhig noch eine weitere Woche kalt bleiben.

  • Einsamer Eistourist
    foto: rottenberg

    Einsamer Eistourist

  • Leben ohne Hirn: ein Tourist wandert auf der Donau
    foto: rottenberg

    Leben ohne Hirn: ein Tourist wandert auf der Donau

  • Vögel gegen die Einsamkeit
    foto: rottenberg

    Vögel gegen die Einsamkeit

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